Von A. Borchardt

Wer sich in der digitalen Neuzeit jemals an ein neues Telefonsystem herantasten musste, kann schier verzweifeln. Die Anlage beweist erstaunliche Gemeinsamkeiten mit der Hierarchie in der Firma.

Wer sich in der digitalen Neuzeit jemals an eine neue Telefonanlage herantasten musste, hat sicher einen Grundsatz der menschlichen Entwicklung als Lüge entlarvt: dass technischer Fortschritt das Leben leichter macht. Jenes Gesetz mag vielleicht bei der Erfindung des Streichholzes oder des Verbrennungsmotors gegolten haben - wobei es ohne Letzteren weder den Stau noch Bundestagsdebatten über Klimapakete gäbe, was wiederum als Erleichterung durchgehen könnte. Die Telefonanlage aber liefert die Grundlage für eine viel zeitgemäßere Theorie des Lebens: Alles wird angeblich leistungsfähiger, aber garantiert komplizierter.

Telefonanlage, dpa

Die neue Telefonanlage: Angeblich lässt sich mit irgendeiner Tastenkombination sogar ein Schutzengel rufen. (© Foto: dpa)

Anzeige

Konnte man mit dem alten Telefon noch wählen und kurz darauf losplappern, verlangt das neue die Bestätigung der Nummerneingabe durch Drücken der Häkchentaste. Will man ein Gespräch an einen anderen Apparat wegdrücken, verlangt das Menü drei Eingabe-Bestätigungen - vorausgesetzt, man versteht jene Kommandos, die irgendein Ingenieur in das elektronische Buchstaben- und Zahlenfenster hineingedichtet hat.

Schutzengel am Apparat

Zwar vermag es das neue Gerät, direkt Nummern zu wählen, die im Computer nebenan abgespeichert sind. Und es gibt Gerüchte, dass sich mit irgendeiner Tastenkombination sogar ein Schutzengel rufen lässt. Aber wie auch das moderne Handy oder der Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn schafft es das neue Telefon oft, dass man mehr Zeit mit ihm verbringt als mit seinem Lebenspartner.

Würde nun das Gesetz der wachsenden Komplexität nur auf technische Geräte zutreffen, wäre das vielleicht zu verschmerzen. Bedenklich ist jedoch, dass es sich ebenso auf Führungsstrukturen in Firmen anwenden lässt. Gut zu beobachten ist dies bei Neugründungen. Wird am Anfang noch die flache Hierarchie gepriesen - ein Kapitän, der Rest Matrosen -, tauchen auf der Kommandobrücke schon bald jene Seeleute auf, die sich wegen vermeintlich herausragender Fähigkeiten als Steuermänner, stellvertretende Chef-Navigatoren oder mindestens Kojen-Putzplan-Koordinatoren empfehlen. Nun möchte der Chef gerade in Krisenzeiten seine treusten Gefolgsleute nicht vergrätzen.

Ein Pöstchen als Teamleiter Controller-Kontrolle

Deshalb wird das Budget noch einmal gewalkt, damit für den heimkehrenden Leiter des Südostasien-Büros doch noch ein Pöstchen als Teamleiter Controller-Kontrolle geschaffen werden kann. Um das zu bezahlen, müssen zwar zwei Controller-Stellen daran glauben. Aber dafür schuftet der Rest der Truppe umso mehr. Schließlich gilt es, sich für einen möglichen Posten als stellvertretender Teamleiter Controller-Kontrolle zu profilieren, der dann auch noch jede Eingabe bestätigen darf.

Dies führt schon bald zu jenen Effekten, die ein Techniker im einstigen Siemens-Handy-Werk in Kamp-Lintfort einmal so beschrieb: "Bis bei uns die neuen Handy-Modelle von allen vier Hierarchie-Ebenen abgesegnet worden sind, hat Nokia schon 30 neue Modelle herausgebracht." Die Siemens-Handy-Sparte ist Geschichte - ebenso einige Hierarchie-Ebenen des Traditionskonzerns, in dem Siemens-Chef Peter Löscher nach seiner Ankunft bekanntermaßen ordentlich Lehm abtragen ließ. In den allermeisten Firmen verhält es sich mit den Führungsstrukturen jedoch trotz weltschlimmster Wirtschaftskrise und Stellenabbau so wie mit der neuen Telefonanlage: Ist sie erst einmal angeschafft, muss man mit ihr leben.

Leser empfehlen 

(SZ vom 8.12.2008/bön)