Wann der Vorgesetzte zum Feind wird und wie sich das verhindern lässt.

88 Prozent aller Arbeitnehmer halten ihren Boss für schwierig. Martin Wehrle, Coach und ehemals Abteilungsleiter, hat darüber ein Buch geschrieben ("Der Feind in meinem Büro"). Gregor Schmitz fragte ihn, was in den Chefetagen falsch läuft.

Vorgesetzter, Mitarbeiter, Konflikt

Kampfverhalten bringt nichts, meint der frühere Abteilungsleiter Wehrle und rät zur "inneren Ruhe" und konstruktiven Kritik. (© Foto: photodisc)

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SZ: Was macht viele Vorgesetzte eigentlich so unbeliebt?

Wehrle: In erster Linie ein autoritärer und einsamer Führungsstil. Noch immer gilt in vielen deutschen Firmen: Entscheidungen werden hoch oben auf der Chefwolke getroffen, die Konsequenzen schlagen wie Blitze bei den Mitarbeitern ein. Die fühlen sich dann natürlich nicht einbezogen und reagieren erst mal bockig. Besonders schlimm ist es, wenn Mitarbeiter nur noch als Kostenfaktoren behandelt werden. Das ist ganz deutlich zu spüren in Krisensituationen, etwa während Kündigungswellen. Viele Chefs heben mittlerweile auch in Gehaltsverhandlungen nie mehr den Beitrag und Wert des Mitarbeiters hervor, sondern nur, was er die Firma kostet.

SZ: Aber Chefs müssen auch unangenehme Entscheidungen treffen können.

Wehrle: Ja, doch selbst das lässt sich im Einvernehmen mit den Mitarbeitern lösen. Ein guter Chef zeichnet sich dadurch aus, klar zu kommunizieren, auf welcher Grundlage er seine Entscheidung trifft. Und er muss auch von Anfang an überlegen, wie er die Mitarbeiter frühzeitig einbeziehen kann. In deutschen Firmen herrscht eine Scheindemokratie: Die Angestellten dürfen über den Speiseplan in der Kantine entscheiden, aber etwa bei einer Fusion werden sie als Allerletzte informiert. Das ist auch betriebswirtschaftlich kontraproduktiv, denn Mitarbeiter wissen ja oft über Kundenwünsche oder Kostenfaktoren viel besser Bescheid als die Chefs.

SZ: Wenn so viele heutige Führungskräfte versagen, wie konnten sie dann überhaupt Chefs werden?

Wehrle: In den meisten Firmen wird immer noch eher der Fachmann befördert als der Menschenfischer. Soziale Fähigkeiten spielen beim Aufstieg selten eine Rolle, das sprichwörtliche "Fachmann = Schwachmann" kommt ja nicht von ungefähr. Man kommt gar nicht auf die Idee, vor einer Beförderung zu testen, ob der Kandidat auch mit Menschen umgehen kann, etwa als Projektleiter. So gelangen sozial inkompetente Menschen an die Spitze, die oft auch noch narzisstische Defizite aufweisen.

SZ: Können die Mitarbeiter da gar nichts machen?

Wehrle: Doch, sie müssen erkennen, dass jede Schwäche des Chefs auch eine Chance ist. Zum Beispiel zur konstruktiven Kritik. Die müssen Mitarbeiter aber auch offen artikulieren und dürfen sich von einem unwirsch reagierenden Chef nicht gleich abschrecken lassen. Sie dürfen also in entscheidenden Gesprächen kein Kampf- oder Fluchtverhalten zeigen, sondern sie sollten innere Ruhe bewahren.

SZ: Gibt es in deutschen Chefetagen überhaupt positive Beispiele?

Wehrle: Ja natürlich. Bei der Drogeriemarkt-Kette DM dürfen die Mitarbeiter beispielsweise ihre Vorgesetzten selber wählen. Das ist besser, als ihnen den Chef einfach vorzusetzen. Es geht aber auch einfacher. Viele Top-Manager verbringen den Großteil ihres Tages in Meetings, bei denen nie ein Mitarbeiter von der Basis dabei ist. Die Mitarbeiter einfach mal zu einem solchen Treffen einzuladen, kann ein wichtiger Schritt sein.

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(SZ vom 29.10.2005)