Mehr als eine Million Stellen sind zurzeit unbesetzt. Wie kann das sein, angesichts von fast fünf Millionen Arbeitslosen? Zwei Institute kommen zu ganz unterschiedlichen Antworten.
Die Meldung ist gut und schlecht zugleich. Es gebe wieder mehr Jobs, schreibt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in seinem wöchentlichen Info-Dienst, doch leider: Viele blieben unbesetzt. "Offene Stellen: ein deutsches Problem" titelten die Autoren. Und tatsächlich: Ein Blick auf die angefügte Statistik scheint zu belegen, dass es nirgendwo so viele freie Arbeitsplätze gibt wie bei uns.
Arbeitslose in der Warteschlange. (© Foto: dpa)
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Wie kann das sein? Anja Kettner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) hat eine überraschende Erklärung: Das Ranking hat mit der Realität nichts zu tun. "Die Statistiken der aufgeführten Länder sind nicht vergleichbar, weil die Datenbasis völlig unterschiedlich ist. Manche Länder erfassen nur offene Stellen ausgewählter Wirtschaftsbereiche oder von Unternehmen bestimmter Größe, einige ermitteln ihre Zahlen durch Betriebsbefragungen, anderen schätzen sie", sagt die Arbeitsmarkt-Expertin. Dazu kommt die Hartz-IV-Reform. "Die angebotenen Ein-Euro-Jobs fließen in die deutsche Statistik ein. In anderen Ländern gab es im vergangenen Jahr keine solche Arbeitsmarktreform", sagt Kettner.
Zieht man die Ein-Euro-Jobs ab, bleiben jedoch immer noch knapp eine Millionen Stellen, die im Herbst vergangenen Jahres angeboten wurden. Ist ihre Besetzung also doch "ein Problem", wie das IW schreibt?
Der aktuellen Betriebsbefragung des IAB nach zu urteilen eher nicht. Demnach sind offene Jobs im Westen Deutschlands im Schnitt 18 Tage vakant, im Osten sind es 14 Tage. "Es tauchen in einigen Bereichen und Berufen hin und wieder Schwierigkeiten auf, aber es gibt kein gesamtwirtschaftliches Problem, dass Stellen nicht besetzt werden könnten", sagt Anja Kettner.
Das IW Köln hatte einen völlig anderen Schluss gezogen. Es schrieb, dass es nur "sehr zögerlich" gelingen würde, "die Arbeitslosen auf die freien Stellen zu vermitteln - etwa weil die Jobsucher oft nicht bereit sind umzuziehen. Insbesondere Ältere, die sich schon auf die Rente vorbereiten, wollen nicht anderswo noch einmal von vorne anfangen. Aber auch Langzeitarbeitslose, die vom Staat recht großzügig alimentiert werden, sind nicht zu Konzessionen bereit".
Diese Aussage ist Lutz Bellmann vom IAB zu einseitig. Der Wirtschaftswissenschaftler hat die Personalbewegungen in deutschen Unternehmen und deren Rekrutierungswege von Fachkräften untersucht. "Das schiebt zu viel auf die Arbeitslosen statt auch die Kompromissbereitschaft der Unternehmen einzufordern", sagt Bellmann.
Wie seine Studie zeigt, können die meisten Betriebe ihren Personalbedarf an Fachkräften decken. Drei Viertel der Stellen werden völlig problemlos besetzt. Nur bei dreizehn Prozent der Stellen mussten die Unternehmen Kompromisse eingehen.
"Arbeitgeber, die nicht kompromissbereit sind, könnten sich schwer tun, jemanden zu finden", sagt Bellmann. "Sie müssen überlegen, was sie wollen und sich zum Beispiel fragen, ob es wirklich ein junger Bewerber sein muss oder nicht auch ein Älterer passt. Vielleicht müssen sie auch eine Einarbeitung in Kauf nehmen".
Wie seine Studie zeigt, führte jede zweite Kompromiss-Besetzung zu einem höheren Einarbeitungsaufwand. In 17 Prozent der Fälle kamen die Firmen den Bewerbern bei der Arbeitszeit, in 13 Prozent bei der Bezahlung entgegen.
In der IAB-Betriebs-Befragung vom vergangenen Herbst, die den gesamten Stellenmarkt untersucht, haben nur sieben Prozent der Unternehmen einen Mangel an geeigneten Arbeitskräften gemeldet. Dagegen klagten rund 35 Prozent über fehlende Aufträge. "In Deutschland ist somit der Auftragsmangel nach wie vor das mit Abstand größte Hemmnis für mehr Beschäftigung und Wachstum", folgert das IAB.
(sueddeutsche.de)
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