Frauenquote in Unternehmen "Es geht um die Kompetenz"

Die EU-Kommission prescht vor bei der Frauenquote: Nach ihrem Willen sollen in Aufsichtsräten künftig 40 Prozent Frauen sitzen. Ist das überhaupt umsetzbar? Unternehmensberaterin Anke Hoffmann erklärt, wie Unternehmen geeignete Frauen finden und warum es gut ist, dass weiblichen Führungskräften der Exotenstatus abhanden kommt.

Interview: Verena Wolff

EU-Justizkommissarin Viviane Reding hat sich durchgesetzt: Nach wochenlangem internen Streit hat die EU-Kommission eine Frauenquote für die Aufsichtsräte von Europas börsennotierten Unternehmen vorgeschlagen. Das Gremium nahm am Mittwoch einen Gesetzentwurf von Reding an. Dieser schreibt den etwa 5000 Firmen in der EU vor, bis 2020 Aufsichtsratsposten zu 40 Prozent mit Frauen zu besetzen.

Doch wie sieht es in der Wirklichkeit des Jahres 2012 aus? Frauen besetzen zwar immer mehr Aufsichtsratsmandate in den Dax-Konzernen. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Anzahl weiblicher Aufsichtsräte bei den 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands auf 15 Prozent verdoppelt, wie eine Erhebung der Unternehmensberatung Kienbaum ergab. Aber: In den Dax-30-Unternehmen sitzen mehr als doppelt so viele Frauen in den Aufsichtsräten als im TecDax, wo nur sieben Prozent der Mandate mit Frauen besetzt sind.

Anke Hoffmann, Geschäftsführerin der Kienbaum Berlin GmbH, erklärt, warum die Unternehmen derzeit im Umbruch sind und wie der Exotenstatus den Frauen langsam abhanden kommt.

Süddeutsche.de: Könnte jedes Dax-Unternehmen in Deutschland derzeit die nun beschlossene Frauenquote schaffen?

Anke Hoffmann: Ja, es ist aber eine Frage der Zeit. Sicherlich ist es momentan für ein Dax-30-Unternehmen leichter als für ein technikgetriebenes Unternehmen der kleineren Indices. Aber es findet ein Bewusstseinswandel statt: Erste Frauen in bisher männerdominierten Aufsichtsräten haben eine Sogwirkung und nehmen nachrückenden Frauen den Exotinnen-Status. Wir können jedenfalls sagen, dass unsere Datenbank geeigneter Frauen kontinuierlich wächst.

Suchen Unternehmen gezielt nach weiblichen Führungskräften?

Die Nachfrage ist momentan enorm. Wenn die Regelung aus Brüssel umgesetzt wird, nach der bei gleicher Qualifikation eine Frau dem Mann vorgezogen wird, gibt das einen Paradigmenwechsel. Hier geht es nämlich erst mal nicht um Quote, sondern um Kompetenz. Das wird seit Jahren von vielen Seiten gefordert. Es wird dann darum gehen, wie und wann Kompetenz transparent gemacht wird, wer Kompetenz beurteilt und wer letztlich über bessere oder gleich hohe Kompetenz entscheidet. Es wird dann in letzter Konsequenz auch zu Kampfabstimmungen auf den Hauptversammlungen kommen können.

Was muss passieren, damit insgesamt mehr Frauen in Führungspositionen kommen?

Der notwendige Bewusstseinswandel ist in vollem Gange und wird gerade bei den großen Unternehmen umgesetzt. Dieser Trend muss sich nun auch in den kleineren Indices fortsetzen, gleichzeitig müssen Frauen wie Männer den erheblich gestiegenen Anforderungen an Kompetenz Rechnung tragen. Ein Aufsichtsratsmandat ist kein Kehrberuf, er erfordert die Bereitschaft zum kontinuierlichen Dazulernen.

Wie kommt es, dass Frauen meist nur ein Aufsichtsratsmandat haben, während Männer oft gleich in mehreren Gremien sitzen?

Derzeit gibt es unter den Aufsichtsrätinnen kein Girls-Network, in dem sich eine kleine Zahl von Frauen eine Vielzahl von Mandaten aufteilt. Heute ist das Mandat so anspruchsvoll, dass niemand mehr eine große Anzahl verantwortungsvoller Kontrolleursposten übernehmen kann. Allein das gestiegene Haftungsrisiko spiegelt dies wider. Nur wer wirklich die Kompetenz, aber eben auch die Zeit hat, solche Posten auszufüllen, kann ein guter Aufsichtsrat sein.

Warum sieht man weibliche Vorstände/Geschäftsführer fast ausschließlich in "Frauennischen", also bei Kosmetik- oder Konsumgüterherstellern? Und weniger in den "harten" Branchen?

Zum einen arbeiten hier tatsächlich mehr Frauen. Aber natürlich können Frauen viel mehr, als jahrelang ersichtlich war. Hier geht es einfach gesamtgesellschaftlich darum, dass tradierte Rollenmuster aufgebrochen werden. Für uns allerdings ist Kompetenz, ganz unabhängig von einer Quote, der entscheidende Parameter. Hinzu kommt die Tatsache, dass Teams dann die besten Resultate bringen, wenn sie möglichst viele und sich ergänzende Fähigkeiten und Persönlichkeiten vereinen.