Warum Mädchen einen Girls´ Day brauchen.

Frauen und Technik sind in Deutschland immer noch zwei Welten: Obwohl längst mehr junge Frauen als Männer Abitur machen und ein Studium beginnen, sind sie in technischen Berufen bloß eine Minderheit. Um schon früh das Interesse von Mädchen an der Arbeitswelt von Technikern, Ingenieuren, Informatikern oder Naturwissenschaftlern zu wecken, veranstalten bundesweit einige tausend Firmen, Büros und Werkstätten am 8. Mai den dritten "Girls' Day - Mädchenzukunftstag": Schülerinnen der Klassen 5 bis 10 kriegen für ein Kurz-Praktikum unterrichtsfrei. Der stark beworbene Aktionstag nach US-Vorbild kann nach Einschätzung von Fachleuten aber bestenfalls langfristig zu einem Bewusstseinswandel beitragen.

Mädchen

Ein Tag unterrichtsfrei: Schülerinnen beim Girls Day 2002 (© )

Anzeige

"Der Girls' Day wird kein Mädchen dazu bringen, etwas anders zu werden", sagt die Leiterin des Frankfurter Frauenreferats, Gabriele Wenner. "Er ist ein Bausteinchen, um Mädchen das Berufswahlspektrum aufzuzeigen." So könnten sie sich gemäß ihrer Interessen, unabhängig von den Eltern, einen Einblick in die Arbeit beispielsweise eines IT-Administrators verschaffen.

Wichtig für den Erfolg des Girls' Day sei die Kontinuität, betont Walter Börmann vom Verband Elektrotechnik, Elektronik Informationstechnik (VDE). "Nicht alle paar Jahre eine neue Aktion starten und eine alte einschlafen lassen."

"Wir brauchen strukturelle Änderungen", sagt die Frauenbeauftragte der Marburger Philipps-Universität, Silke Lorch-Göllner. Dabei hat sie Schulen, Schulbücher, Lehrerausbildung, Studieninhalte und die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen im Blick. "Frauen in Deutschland müssen immer schauen, dass sie Beruf und Familie vereinbaren können." Darin sieht auch Börmann die Hauptursache des Frauenmangels. "Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Frankreich beispielsweise ist einfach besser."

Wenn zehn Prozent viel sind

Von den gut zwei Millionen Bundesbürgern in einem technischen Beruf sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur etwa 294.000 Frauen. Größte Berufsgruppe sind die rund 979.000 Ingenieure - unter ihnen finden sich 101.000 Frauen. Von den 895.000 Technikern sind 109.000 Frauen. Unter den 172.000 Informatikern und Datenverarbeitungsfachleuten sind 37.000 Frauen. Bei den 100.000 Chemikern, Physikern und Mathematikern liegt ihr Anteil bei 18.000.

Beim Nachwuchs sieht es nicht viel besser aus: 303.600 Studenten waren im Wintersemester 2002/2003 für einen Ingenieurstudiengang eingeschrieben, darunter nur 63.700 Frauen. Bei Mathematik und den Naturwissenschaften kamen auf 332.900 Studierende immerhin 119.300 Frauen. An den rund 400 Fachschulen für Technik machen sich Frauen außer in der Medizintechnik überall rar. "Bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Bautechnik sind zehn Prozent schon viel", sagt Gerard Wolny vom Bundesverband der staatlich geprüften Techniker.

Unter den 20 beliebtesten Ausbildungsberufen von Mädchen, in denen drei Viertel aller weiblichen Lehrlinge zu finden sind, ist kein einziger technischer.

Falsche Vorstellungen

Vom Informatiker-Beruf machten sich viele junge Frauen falsche Vorstellungen, nennt die Sprecherin der Gesellschaft für Informatik, Cornelia Winter einen Grund für das geringe Interesse. "Die denken immer noch, das ist nur Technik." Dabei spiele in dem Beruf Team- und Projektarbeit auch eine große Rolle.

"Ingenieurinnen in Werbung, Gesellschaftsbild und Fernsehen gibt es eigentlich nicht", erklärt Susanne Ihsen vom Verein Deutscher Ingenieure den Frauenmangel. Wenn die Vorbilder fehlten, zögen die Mädchen den Beruf auch nicht für sich in Betracht. Daneben gebe es immer noch viele Eltern, Lehrer und Berufsberater, die Mädchen rieten, sich lieber für einen typisch weiblichen Beruf zu entscheiden, damit sie es nicht so schwer hätten.

Zu abstrakt

"Es ist immer noch keine Selbstverständlichkeit, dass Frauen in Berufe wie Bauingenieur hineingehen", sagt auch Lorch-Göllner. Schon in der Schule müssten Mädchen recht selbstbewusst sein, um sich für einen Leistungskurs in einem naturwissenschaftlichen Fach zu entscheiden.

Vielen Studentinnen seien diese Fächer zu abstrakt, sie interessierten sich mehr für die Anwendung als für Grundlagenforschung. "Die Inhalte der Schulbücher und der Studiengänge müssten stärker auf Mädchen zugeschnitten werden", verlangt die Frauenbeauftragte der Marburger Uni. Viele Frauen hätten aber auch eine andere Lebens-Vorstellung als Männer: "Sie wollen nicht von morgens bis abends und am Wochenende im Labor stehen."

(sueddeutsche.de/dpa, von Ira Schaible)

Leser empfehlen