Frauen in technischen Berufen Allein unter Männern

Frauen sind begehrt. Sie für technische Studienfächer und Berufe zu gewinnen, ist en vogue in Deutschland - und dennoch ist das Bild in den Unternehmen immer dasselbe: Frauen bleiben Exoten in technischen Disziplinen. Im Interview sagt Maschinenbau-Ingenieurin Larissa Nietner, warum ihr das egal ist.

Von Viola Schenz

Larissa Nietner macht gerade ihren Master - und ist sicher, dass sie keinen Job bekommt, nur weil sie eine Frau ist.

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Vor sieben Semestern hat Larissa Nietner als einzige Frau unter 20 Männern den Bachelor-Studiengang "Maschinenbau Entwicklung und Produktion" an der Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz (HTWG) begonnen. Schon in ihrer Schulzeit versuchte Nietner, andere Mädchen durch Nachhilfe in Mathematik für Technik zu begeistern. Im Studium hat sie sich mit Tutorien und einem Gründer-Netzwerk für andere Studenten engagiert. Daneben hat die 1,0-Abiturientin ein Web-Unternehmen gegründet.

Nach einem sehr guten Bachelorabschluss studiert die 24-Jährige seit Ende August am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston auf den Abschluss "Master of Science". Ihr Unternehmen, mit dem sie Websites, Apps und Software entwickelt, setzt sie "als Hobby" fort, denn: "Wenn man ein Semester lang nur Getriebe sieht, ist es ganz schön, mal ein paar bunte Grafiken zu gestalten."

SZ: Frauen, die Maschinenbau studieren, sind selbst im Jahr 2012 in Deutschland noch immer ungewöhnlich. Auch Sie haben als einzige Frau in Ihrem Jahrgang angefangen. Was war entscheidend für Ihre Studienwahl?

Larissa Nietner: Nach dem Abi habe ich erst Management in England studiert, im Anschluss ein Praktikum gemacht im Operativen Einkauf. Nach Dienstschluss habe ich für eine kleinere Firma Roboter programmiert und eine Leidenschaft entdeckt: Das war viel interessanter als mit Zahlen zu jonglieren, man hat etwas Handfestes, Wertschöpfendes vor sich. Ort des Nebenjobs war ein mittelständischer, inhabergeführter Betrieb, also etwas Konservatives, Bodenständiges. Mir war klar, dass ein Abschluss in Maschinenbau in einer solchen Firma am ehesten akzeptiert wird.

Gelten Sie als Exotin?

Ja, schon. Aber nicht so sehr als Frau, eher wegen guter Leistungen.

War das von Vor- oder Nachteil?

Als Nachteil habe ich das nicht empfunden. Die Schulzeit, in der man vielleicht als Streber bezeichnet wird, ist ja dann vorbei. Im Studium war das kein Thema.

Hat man als Frau einen Bonus, wenn man ein Männerfach studiert? Oder muss man im Gegenteil mehr leisten als die männlichen Kommilitonen?

Ich denke, das ist eine Typfrage. Unter den Chefs, unter den Kollegen und Kommilitonen gibt es Typen, die haben ein äußerst konservatives Weltbild. Bei denen kommt es darauf an, wie man sich in den Pausen versteht, ob man dieselben Hobbys hat. Dann gibt es die Typen, die sagen: Es ist lustiger, wenn eine Frau in der Gruppe ist. Im Schnitt ist es nicht schwieriger, allein unter Männern zu sein. Und ich habe die Kollegen im technischen Bereich immer als entspannter empfunden als die im kaufmännischen. Nur einige Universitätsprofessoren, oft jenseits des Renteneintrittsalters, vertreten ein frauenfeindliches Weltbild.

Hatten Sie Förderer - seitens der Eltern oder Lehrer?

Meine Mutter hat Mathematik studiert. Sie hat dem Fach einen Wert beigemessen und meinem Bruder und mir vermittelt. Durch sie hatte ich nie das Gefühl, Mathematik sei irgendwie unweiblich - eine Ansicht, die ja in Teilen unserer Gesellschaft nach wie vor besteht. Als kleines Kind habe ich jedoch nicht alles auseinandergenommen, wie man es Ingenieuren gerne nachsagt, sondern schon auch mit Puppen gespielt.

In den vergangenen Jahren sind Förderprogramme speziell für Mädchen und Frauen gestartet, um sie in technische Fächer und Berufe zu locken. Was halten Sie davon? Sollte man gezielt fördern?

Ja, auf jeden Fall! Das sollte es viel mehr geben, bis in die Dörfer hinein, man sollte auch die Lehrer entsprechend schulen. Ich war in Überlingen auf einer sehr kleinen Schule, in meinem Abiturjahrgang gab es 36 Schüler. Von solchen Programmen habe ich damals nichts gewusst. Es braucht auch Vorbilder im Alltag, die einen Bezug zur Technik herstellen. Viele Mädchen sehen einfach keinen Sinn darin, sich mit Technik zu befassen, und das ist schade.