Von Von Gerhard Bläske

Ein dichtes Netz von Betreuungseinrichtungen erlaubt es den meisten Französinnen trotz Kindern zu arbeiten - in die Chefetagen kommen aber fast nur Männer.

Paris - Mittwoch Nachmittag im Parc Monceau. Der einzige schulfreie Nachmittag der Woche. Mädchen in dunkelblauen Faltenröcken, weißen Strumpfhosen und mit Schleifen im Haar springen herum. Brav gescheitelte Buben, manche in kurzen Hosen und Kniestrümpfen, spielen Fußball. Auf den sonnenbeschienenen Parkbänken sitzen die oft schwarzen oder asiatischen Nounous der Kinder dieses gut bürgerlichen Viertels. Nounous, das sind die Kinderfrauen. Gerade schnattern sie aufgeregt durcheinander.

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Kleinunternehmen zuhause

Die meisten Mütter arbeiten jetzt. So wie Clara Gaymard, die ihr Büro gleich nebenan hat. Die Frau des Landwirtschaftsministers leitet die französische Agentur für internationale Investitionen, die ausländische Geldgeber aus aller Welt nach Frankreich locken soll. Voll berufstätige Mütter gehören in Frankreich zum Alltag. Doch Gaymard hat acht Kinder zwischen sechs und 17 und ist Autorin von bisher drei Büchern.

Eine schlanke, grazile Frau, die schier versinkt in dem tiefen, grauen Sessel ihres Büros. "Das ist doch ganz normal. Schließlich habe ich studiert", sagt sie selbstbewusst. Gaymard hat die renommierte Eliteschule ENA absolviert und auch gearbeitet, als die Kinder ganz klein waren. Ein schlechtes Gewissen hat sie deshalb nicht. Sicher, es habe Anfeindungen gegeben. Es sei auch nicht immer leicht gewesen. Zeitweise habe sie drei Viertel ihres Einkommens für die Kinderbetreuung ausgegeben. "Aber ich hatte das Glück, immer etwas zu tun, was mir Spaß machte." Ihre Familie sei wie "ein Kleinunternehmen". Da habe sie gelernt, zu organisieren.

Fast zwei Drittel aller Französinnen sind berufstätig. Dennoch sind die Kinderzahlen in Frankreich mit 1,9 pro Frau deutlich höher als in Deutschland (1,3). Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) führt dies unter anderem auf ein relativ gutes Angebot an Krippenplätzen, einen quasi-obligatorischen, ganztägigen Gratiskindergarten, Ganztagsschulen, eine Vielzahl ausgebildeter Kinderbetreuerinnen, finanzielle Hilfen und massive Steuervorteile für Familien mit Kindern zurück. So lassen sich Beruf und Kinder einfacher miteinander vereinbaren.

In Spitzenpositionen jedoch muss man auch in Frankreich die Frauen fast mit der Lupe suchen. Das sagt Martine Marandel-Joly, Präsidentin der Organisation "Femmes Chefs d"Entreprises" (FCS - Frauen als Unternehmens-Chefs). Nach Angaben von FCS sind zwar 30 Prozent der Unternehmensgründer des Landes weiblich und 26 Prozent der Firmenchefs Frauen. Doch in der oberen Leitungsebene der Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten liegt der Frauenanteil nur bei dürftigen 6,8 Prozent.

Hilfe von Chirac

Staatspräsident Jacques Chirac hat jüngst das Ziel ausgegeben, das Land müsse bei der Herstellung von Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern europaweit an die Spitze kommen. Gewerkschaften und Arbeitgeber haben vereinbart, Gleichheit zwischen Mann und Frau im Berufsleben in puncto Bezahlung und Karrierechancen herstellen zu wollen. Der Weg dahin ist weit.

Dabei führen Frauen Firmen oft recht erfolgreich. Meist stehen sie an der Spitze von Familien-Unternehmen. So wie Annette Roux beim Bootshersteller Bénéteau, Dominique Hédiard-Dubreuil bei der Spirituosengruppe Rémy-Cointreau, die Baronin Philippine de Rothschild (Wein) und Anne-Claire Taittinger (Luxusgüter). Und sonst? Weitgehend Fehlanzeige.

Pascal Sourisse ist Chefin der Alcatel-Satellitentochter Alcatel Space, Anne-Marie Idrac leitet die Pariser Verkehrsbetriebe RATP. Vorzeigefrau unter den Unternehmens-Chefs ist Anne Lauvergeon, die an der Spitze des weltgrößten Nuklear-Unternehmens Areva steht. Sie gehören zu den berühmten Ausnahmen, in den meisten Vorständen sitzen kaum Frauen. Nur bei der Staatseisenbahn SNCF haben es drei Managerinnen in die oberste Riege geschafft. Zu ihnen zählt Claire Dreyfus-Cloarec. Die 57-Jährige absolvierte wie Gaymard die Eliteschule ENA. Fast alle Spitzenmanager des Landes kommen aus einer "Grande Ecole". Früher waren Frauen dort extrem rar. "In der sehr renommierten Ecole Polytechnique gab es erst in den achtziger Jahren die erste Frau. Und in der ENA war der Frauenanteil bis vor wenigen Jahren bei kaum fünf Prozent", sagt sie.

Dynamische Generation

Dreyfus hat drei Kinder und immer gearbeitet. "Für mich ging es nicht darum, Karriere zu machen oder Kinder zu haben, sondern um die Frage Kinder oder mehr Zeit für mich." Die meisten Französinnen entscheiden sich für Kinder. Noch sei vielen Frauen eine Karriere in Verwaltung oder Wirtschaft verbaut. Doch das werde sich ändern: Die neue Generation der Frauen sei dynamischer, kämpferischer. Ein Viertel bis ein Drittel der ENA-Absolventen sind inzwischen Frauen. Vor allem aber werden die geburtenschwächeren Jahrgänge viele Unternehmen zwingen, auf das Reservoir der Frauen zurückzugreifen. Doch Dreyfus-Cloarec dämpft zu große Euphorie: "Das dauert noch zwei Generationen." Denn viele Hindernisse bremsen die Karrieren französischer Frauen.

Im Großraum Paris gebe es zu wenig Betreuungseinrichtungen und die Öffnungszeiten seien mit einer Karriere nicht kompatibel. Zudem würden Frauen im Bildungssystem auf bestimmte Berufszweige gelenkt und seien oft zu zurückhaltend, meint FCS-Präsidentin Martine Marandel-Joly. Wer nicht ständig zur Verfügung steht, hat schlechte Karten. "Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, besser zu sein als Männer, wenn wir den gleichen Job kriegen wollen", sagt Gaymard.

Es gibt auch Frauen (selten Männer), die bewusst auf eine Karriere verzichten. So wie Laurence Pellé, die bis vor zwei Jahren in der Leitung einer Versicherung arbeitete. "Von meinen Kindern habe ich nichts mitbekommen. Die lagen schon im Bett, wenn ich abends nach Hause kam." Sie hätte gerne weiter gearbeitet - aber nicht unter diesen Bedingungen. Auch wenn es die meisten beruflich erfolgreichen Frauen nicht zugäben, viele fühlten sich insgeheim schuldig, sagt sie. Dennoch habe kaum jemand verstanden, dass sie ausstieg und heute nur für ihre zwei Kinder da ist. Auch Annette Roux, die den Bootshersteller Bénéteaux zum weltweit größten Hersteller von Segel-Yachten machte, sagt im Rückblick: "Die Kinder leiden immer." Zumindest einer müsse auf die Karriere verzichten. Doch das könne auch mal der Mann sein.

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(SZ vom 30.4.2004)