Frage an den Jobcoach Muss ich als Pädagogin in die Kirche eintreten?

Viele potentielle Arbeitgeber von Suchttherapeutin Katja M. stellen nur Kirchenmitglieder ein. Die konfessionslose Bewerberin bittet den SZ-Jobcoach um Rat.

SZ-Leserin Katja M. fragt:

Ich bin Diplom-Sozialpädagogin mit suchttherapeutischer Zusatzausbildung und verfüge über eine inzwischen zwanzigjährige ununterbrochene Berufserfahrung. Seit mehreren Jahren übe ich eine Leitungsfunktion mit geschäftsführender Verantwortung aus. Ich lebe in der Oberlausitz (Sachsen) und möchte nun der Liebe wegen nach Bayern ziehen. Als gebürtige DDR-Bürgerin weise ich jedoch den Makel auf, über keine Konfessionszugehörigkeit zu verfügen. In Bayern befinden sich die meisten sozialen Einrichtungen jedoch in kirchlicher Trägerschaft. Meine Bewerbung für eine leitende Position dürfte daher mit hoher Wahrscheinlichkeit aussortiert werden.

Ich bin nicht bereit, in eine Kirche einzutreten, weil ich das zutiefst ablehne. Mich erinnert das zu sehr an DDR-Zeiten, wo die Karrierechancen an eine SED-Mitgliedschaft gekoppelt waren. Eine Selbständigkeit wäre eine denkbare Option, ist im Sozialwesen jedoch nur beschränkt Erfolg versprechend. Sehen Sie andere Alternativen?

Christine Demmer antwortet:

Liebe Frau M., am vergangenen Donnerstag hat sich der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs kritisch über die kirchliche Einstellungspolitik ausgelassen: Die Kirchen dürften nicht in jedem Fall eine bestimmte Religion von Bewerbern verlangen, es käme vielmehr auf die einzelne Tätigkeit an. Das Urteil des Luxemburger Gerichts, an dem sich die deutsche Justiz künftig orientieren dürfte, wird erst in einigen Monaten erwartet. Darauf können Sie natürlich nicht warten.

Der SZ-Jobcoach

Christine Demmer arbeitet als Wirtschaftsjournalistin in Deutschland und Schweden. Sie ist Managementberaterin, Coach und Autorin zahlreicher Sachbücher zu Kommunikations- und Personalthemen.

Sie haben Recht: Viele soziale Einrichtungen in Bayern stehen in Verbindung mit einer der beiden christlichen Kirchen. Viele, aber nicht alle. So gibt es zum Beispiel einige Dutzend Sucht- und Entgiftungskliniken in freier Trägerschaft, die mehr auf die richtige Kompetenz als auf die richtige Konfession achten. Auch Therapiezentren knüpfen ihre Personalauswahl in der Regel nicht an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensgemeinschaft.

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Wenn Sie im klinischen Bereich tätig sein wollen, erkundigen Sie sich am besten beim Bundesverband für Stationäre Suchtkrankenhilfe nach angeschlossenen Häusern in Bayern. Im ambulanten Umfeld gibt noch viel mehr potenzielle Arbeitgeber. Erste Anlaufstelle für sozialtherapeutische Einrichtungen der ambulanten Suchttherapie und Substitutionsbegleitung ist die Koordinierungsstelle der bayerischen Suchthilfe in München. Das ist ein Projekt der Freien Wohlfahrtspflege Bayern, zu der unter anderem das Bayerische Rote Kreuz, der bayerische Verband der Arbeiterwohlfahrt und der Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern gehören. Keiner dieser Verbände ist kirchlich ausgerichtet. Aber jeder unterhält mehrere Einrichtungen in allen Bundesländern.

Sie selbst sind ja schon auf die Idee gekommen, selbständig zu arbeiten. Dafür sprechen Ihre Ausbildung, Ihre langjährige Berufspraxis, Ihre Erfahrung in der Leitung von Mitarbeitern und Ihre Motivation. Jeder Leiter einer Einrichtung, der mangels Planstellen mit externem Personal arbeiten muss, wünscht sich berufserfahrene, innerlich und äußerlich engagierte Kräfte. Er weiß zudem, dass man von Liebe allein nicht leben kann und dass Sie selbst daran interessiert sein werden, nachhaltig gute Arbeit zu leisten, um Folgeaufträge zu bekommen. Kommunale oder von freien Trägern finanzierte Suchtberatungsstellen, die es sogar in den entlegensten Kleinstädten gibt, wären ebenfalls mögliche Kunden für Sie. Wie auch die bayerischen Justizvollzugsanstalten. Die meisten arbeiten mit externen Suchtberatern zusammen.

Sogar die Wirtschaft könnte ihre Kenntnisse und Dienste brauchen. Zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement, das von Konzernen und großen Mittelständlern für eminent wichtig gehalten wird, gehören in der Regel Unterstützungsangebote an Mitarbeiter, die ihre Suchterkrankungen bekämpfen wollen. Sprechen Sie doch mal bei Firmen in Ihrer Region vor. Sie können sicher sein, dass niemand nach Ihrer Religionszugehörigkeit fragen wird.

Ihre Frage an den SZ-Jobcoach

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