Fortbildung im Zoo "Chefs sind Affen im Anzug"

Kreischende Alphamännchen: Der niederländische Trainer Patrick van Veen erklärt Managern, was sie von Pavianen und Schimpansen lernen können.

Von Claudia Schneider

"Chefs sind eigentlich Affen in Anzügen", sagt der Biologe Patrick van Veen. Wer den 39 Jahre alten Niederländer kennt, weiß, dass er keine Managerschelte betreibt, sondern es vorzieht, die Dinge wissenschaftlich zu betrachten: 98,4 Prozent unseres genetischen Materials teilen wir mit unseren engsten Verwandten, den Schimpansen. Auch mit anderen Affenarten ist die biologische Ähnlichkeit groß. Die 20 Führungskräfte, die an diesem stürmischen Wintertag im Gelsenkirchener Zoo an dem Seminar "Manager erforschen den Affen in sich" teilnehmen, lachen und schauen verstohlen in die Runde. Nein, äußerlich ist niemandem die Nähe zum Affen anzumerken.

Die Gruppe ist bunt gemischt. Was den Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, die Personalentwicklerin einer Werbeagentur, den Produktmanager einer großen Telekommunikationsfirma und die Inhaberin mehrerer Wellness-Studios eint: Sie wollen wissen, was sie von Affen lernen können. Das Beobachten von Schimpansen und Pavianen steht im Mittelpunkt des Workshops. Aus der tierischen Interaktion könne man ableiten, wie man Mitarbeiter motiviert, wie Kommunikationsprozesse ablaufen und wie man Konflikte löst, sagt der Trainer.

Van Veen ist nicht nur Affenexperte, sondern kennt auch die Strukturen von Unternehmen. Jahrelang hat er bei einer niederländischen Versicherungsfirma als Projektleiter gearbeitet. Je länger er dort war, desto mehr stellte er fest: "Das Verhalten der Chefs war nahezu identisch mit dem von Alpha-Affen." Auch der Umgang der Kollegen untereinander kam ihm vor wie in einer Affenhorde: Streit wegen Kleinigkeiten, ständiger Konkurrenzkampf, Manipulation, aber auch die Bildung von Koalitionen, um gemeinsam Dinge durchzusetzen.

Kindsmord im Unternehmen

Seit fünf Jahren bietet van Veen in den Benelux-Ländern Seminare für Führungskräfte und ihre Mitarbeiter an. Mehr als 6000 Menschen hat er schon auf Affenkurs gebracht. Affen beobachten - das klingt banal. Aber schon nach der ersten Übung in der Schimpansenhalle ist den Teilnehmern klar: Objektives Beobachten ist gar nicht so einfach. Die meisten interpretieren eher als zu beobachten. Vorurteile sind schnell zur Hand. "Wer Verhalten verstehen will, muss es zuerst wahrnehmen", sagt van Veen. Und sich danach Zeit nehmen für eine Analyse. Genau das sollen die Führungskräfte lernen. Deswegen fordert er sie auf, das Verhalten der Affen auf Beobachtungsbögen zu protokollieren.

Gebannt beobachten alle ein Alphamännchen, das sich laut kreischend von Ast zu Ast quer durchs Gehege schwingt und sich zum Schluss mit voller Wucht gegen die Scheibe wirft. Nein, das tue dem Tier nicht weh, beruhigt der Trainer. Was man hier gesehen habe, sei nur eine typische Demonstration von Macht und Markierung des eigenen Territoriums. Das sei vergleichbar mit einem Chef, der polternd und mit vorgestreckter Brust seine Runde durch die Firma mache und der viel Wert auf Statussymbole lege. Auch den Kindsmord, der in Affenhorden häufig vorkomme, finde man - im übertragenen Sinne - in Unternehmen wieder: Ein neuer Chef versetze meist die Sekretärin des Vorgängers und tausche auch andere Mitarbeiter aus.

Soziale Beziehungen in der Affenhorde

Während die Teilnehmer beobachten, welche sozialen Beziehungen in der Affenhorde herrschen, erläutert van Veen an einem Beispiel, wie man die Beobachtungstechnik im Alltag anwenden kann. So erzählt er von einem Manager, der dachte, ein Mitarbeiter engagiere sich weniger als die Kollegen. Der Manager bekam von van Veen die Aufgabe, diesen Mitarbeiter einige Zeit zu beobachten und sein Verhalten zu notieren. Die Beobachtung ergab, dass er nicht häufiger seinen Platz verließ als andere Mitarbeiter. Der Chef hatte jedoch stets nach Bestätigung seines Vorurteils gesucht. Einmal nicht am Platz, hieß für ihn: "Da sieht man es wieder." Aber: "Durch die objektive Beobachtung kam die Wahrheit ans Licht, und der Vorgesetzte urteilte im nächsten Beurteilungsgespräch objektiver und war dem Mitarbeiter gegenüber positiver eingestellt", sagt van Veen.

Wer dumm fragt ...

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