Flüchtlinge an Business-Schools Hürden überspringen

Sie sind vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen und haben es geschafft, an einer Business-School in Deutschland aufgenommen zu werden: Drei junge Menschen erzählen von ihrem Schicksal.

Von Benjamin Haerdle

Illustration: Stefan Dimitrov

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Der Weg an Deutschlands Hochschulen ist für Geflüchtete aus den Krisengebieten der Welt steinig. Doch immerhin, es sind im Bereich der akademischen Bildung Fortschritte bei der Integration zu erkennen: Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) vermeldete bereits im März, dass ungefähr 1140 Geflüchtete an Deutschlands Hochschulen eingeschrieben sind - circa fünf Mal mehr als im Herbst des Vorjahres. Mittlerweile bieten fast alle Hochschulen Vorbereitungsprogramme für studierfähige und interessierte Flüchtlinge an. Die Zahlen dürften künftig also noch steigen.

Noch höher sind für Flüchtlinge die Hürden für ein MBA-Studium an einer Business School in Deutschland. Gründe dafür gibt es viele: Ein MBA-Studium ist teuer, es werden zu wenige Stipendien angeboten, und für viele Geflüchtete ist der Einstieg bei staatlichen Hochschulen einfacher als an privaten Business Schools, die teils hohe Anforderungen an die Bewerbungsunterlagen haben. In vielen Fällen reichen die beruflichen Qualifikationen der Bewerber nicht aus, und es hapert bei den Englischkenntnissen, heißt es bei einigen deutschen Business Schools.

Karriere in der Pharmabranche

Eigentlich hatte es Alaa Succer schon geschafft: Der 29-jährige Syrer, der in Damaskus ein Pharmaziestudium abschloss, für einige Monate in der Apotheke seines Vaters arbeitete und Herbst 2012 allein nach Deutschland kam, war bei einem mittelständischen Pharmaunternehmen nördlich von Leipzig angestellt. Dort war er zuletzt als Projektbetreuer für die Entwicklung von Medikamenten zuständig. "Ich konnte schon super Englisch, als ich nach Deutschland kam", erzählt er. 2013 habe er begonnen, Deutschunterricht zu nehmen, den er sich teils selbst finanziert habe.

Der Berufseinstieg in Deutschland stellte ihn noch nicht ganz zufrieden, er wollte mehr. "Der Job war gut bezahlt, ich hätte da auch bleiben können, aber ich wollte mich beruflich entwickeln", erzählt Succer seine Geschichte an einem Sommermorgen in den Räumen der HHL Leipzig Graduate School of Management. Dort hatte er sich im September 2016 für das internationale MBA-Programm eingeschrieben. Warum hat er sich für diese Karrierevariante entschieden? "Ich habe einige Erfahrungen im Gesundheitswesen gesammelt und werde mit einem MBA mehr berufliche Möglichkeiten haben, als Unternehmensberater, Manager oder in vielen beruflichen Positionen in Pharmaunternehmen zu arbeiten", sagt Succer. Pharmazeuten mit einem MBA-Abschluss seien selten, das gebe ihm ein gewisses Alleinstellungsmerkmal.

Doch der Einstieg in das MBA-Studium sei herausfordernd gewesen, erinnert er sich. Die Ansprüche an ihn waren sehr hoch, zumal die Themen Finanzen und Ökonomie für ihn gänzlich neu waren. Das Lehrtempo war sehr hoch und das Lernen und Arbeiten in internationalen Kleingruppen mit Menschen unterschiedlichster Kulturen und verschiedenartiger Mentalität unter großem Zeitdruck oft eine Herausforderung - wenn beispielsweise am Montag um sechs Uhr morgens eine Gruppenarbeit abgegeben werden musste. "Das MBA-Studium ist nicht einfach, doch das ist der Arbeitsalltag für Manager auch nicht", sagt Succer und meint, dass diese Ausbildung zu seinem Charakter passe: "Probleme zu analysieren und zu lösen, liegt mir." Dieser Auffassung ist auch die HHL, die Succer als exzellent qualifizierten Flüchtling mit einem Stipendium für die gesamte Studienzeit auszeichnete. Das bedeutet, dass er keine Gebühren entrichten, jedoch in den nächsten fünf Jahren zehn Prozent seines Bruttogehalts zurückzahlen muss. Das berufliche Wagnis hat sich für Succer letztlich gelohnt: Obwohl er sein Studium noch nicht ganz abgeschlossen hat, haben sich bereits mehrere Unternehmen bei ihm mit Jobangeboten gemeldet.

Firmengründerin aus Gaza

Im Jahr 1989 wurde Mariam Abuiteiwi als palästinensischer Flüchtling in Ägypten geboren, zog anschließend nach Gaza und machte an der dortigen Universität ihren Studienabschluss als Software-Entwicklerin. "Im August 2015 kam ich nach Deutschland, weil im Gazastreifen durch den Krieg im Sommer 2014 alles zusammengebrochen war. Auch das von mir gegründete Webunternehmen Wasselni, das mobile Mitfahrmöglichkeiten anbot, musste ich aufgeben", erzählt sie. Drei Jahre lang leitete sie diese Firma, aber irgendwann war der Moment gekommen, da war das Leben im Gazastreifen für sie nicht mehr auszuhalten. "Eine Organisation namens Blue Rose Compass, die sich weltweit um Flüchtlinge kümmert, bot mir dann im Sommer 2015 ein MBA-Stipendium an" berichtet Abuiteiwi. Sie bekam ein Studentenvisum, um in Deutschland zu studieren. Als die Grenze offen war, fuhr sie nach Kairo und flog von dort nach Frankfurt. Sie hätte auch nach London gehen können, habe aber beschlossen, an der EBS-Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel (Hessen) einen MBA zu machen. "Das Programm gefiel mir besser, und ich sah bessere Job-Aussichten in Deutschland", erklärt sie. "Ein herkömmliches Studium an einer Universität kam für mich nicht infrage, der MBA ist praxisnäher. Wenn ich wieder ein Start-up gründe, werde ich besser wissen, wie ich mein Team betreue, mein Personal auswähle oder ökonomisch agiere." Die Seminare des MBA-Studiums wurden in englischer Sprache gehalten, was ihr entgegenkam, da sie gut Englisch kann. Nebenbei Deutsch zu lernen, sei ihr schwergefallen.

Im Juli hat sie den MBA gemacht, seit August arbeitet Abuiteiwi bei einer internationalen Firma in Frankfurt. Die Unterschiede im Berufsleben zwischen Deutschland und ihrer Heimat seien sehr groß. "Die Ansprüche hier sind höher, der Druck größer. Da kann ich noch viel lernen." Das galt auch für das Studium: "Ich musste sehr viel ökonomisches Fachwissen in kurzer Zeit lernen. Wir waren eine internationale Studentengruppe, ich musste zu Beginn erst meinen Rhythmus finden. Und natürlich fühlt man sich zwischendurch manchmal allein, wenn die eigene Familie weit weg ist." Doch hätten die Studierenden einander geholfen und viel gemeinsam unternommen. Ihre Angehörigen hat die junge Frau zuletzt vor zwei Jahren gesehen. "Meine Familie ist sehr stolz auf mich, sie vermissen mich, und ich werde nie vergessen, wo meine Heimat liegt." Sie ist sich sicher: "Irgendwann werde ich wieder in den Gazastreifen zurückkehren."

Die Bankenwelt im Blick

Für Najeeb Ali ist es bereits der zweite Anlauf, einen MBA zu machen. Den ersten machte der Krieg zunichte, denn nach seinem Studienabschluss in der Elektrotechnik an der Aleppo-Universität im Jahr 2009 hatte Ali sich entschlossen, einen zweijährigen MBA an der Syrian Virtual University dranzuhängen. "Doch dann kam der Krieg, und ich musste das MBA-Studium abbrechen", erzählt er. Das Wissen, das er in dieser Zeit erworben hatte, erleichterte ihm aber den Beginn des berufsbegleitenden Part-Time MBAs, den er im Oktober 2015 an der Frankfurt School of Finance & Management in Angriff nahm. "Der Einstieg in den MBA war deswegen nicht so hart", sagt er. Geholfen haben ihm dabei auch seine beruflichen Erfahrungen, die er sammeln konnte, bevor er im Jahr 2015 mit seiner Frau nach Deutschland flüchten musste. "In Aleppo war ich zuvor zwei Jahre Vertriebsleiter und ein Jahr Projektingenieur bei Unternehmen, die auf dem Gebiet von Brandschutzsystemen arbeiteten", erzählt er.

Bei vier Business Schools hatte sich Najeeb Ali beworben, nachdem er in Deutschland angekommen war. Zwei Stipendienangebote erhielt er. Für die Frankfurt School habe er sich entschieden, weil sie in europäischen MBA-Rankings gut platziert sei, gute Forschung betreibe und exzellente Professoren habe. "Zudem ist Frankfurt das Zentrum der Bankenwelt, das ist für wichtig für mich, um über die Hochschule berufliche Kontakte machen zu können." Und die sprachlichen Hürden? In der deutschen Sprache erreichte er binnen eines Jahres ein passables Niveau: "Ich war sehr motiviert und hatte großes Interesse, schnell die Sprache zu lernen. Englisch konnte ich davor schon sehr gut."

Zu Hause ist Ali in München, wo er für sich, seine Frau und sein acht Monate altes Kind eine Wohnung sucht. In der bayerischen Landeshauptstadt arbeitet er bei einer Elektronikfirma als Marketing- und Projektleiter und pendelt zum Studium an zwei Wochenenden im Monat in die hessische Bankenstadt. Eine stressige Zeit sei das für ihn, keine Frage, doch er wolle in Deutschland Karriere machen. "Dafür muss ich einen MBA machen, und Deutschland hat mit die besten Hochschulen der Welt", sagt er. Im Oktober 2018 wird Najeeb Ali seinen MBA in der Tasche haben. Später würde er gerne für ein großes deutsches Unternehmen wie etwa Robert Bosch oder Abus arbeiten. Die Entscheidung für den MBA hat er nicht bereut: "Ich habe meine beruflichen Fähigkeiten verbessert und spannende Kollegen aus vielen anderen Branchen kennengelernt."