Die Angst vorm Fliegen kann zum Karriere-Hindernis werden. In Seminaren versuchen Panik-Geplagte, sie zu überwinden.
Alle Passagiere sind angeschnallt. Aus dem Lautsprecher tönt die Stimme der Stewardess: "Cabin attendants, all doors in flight." Das ist der Moment, in dem Julias Atem flacher wird, das Gefühl im Magen flau. "Ich falle dann in totale Starre", sagt sie. "Ich weiß, ich habe mich in eine große Gefahr begeben, aus der ich nicht mehr herauskomme. Da bleibt nur eines: Augen zu und durch." Die Starre dauert, je nach Reiseziel, bis zu acht Stunden an. Traurige Abwechslung bringen nur Turbulenzen, die Julia jedes Mal bis ins Mark erschüttern, und scheppernde Geräusche, die urplötzlich aus dem Nichts kommen. Sicher wird gleich das Triebwerk ausfallen. Und was, wenn auch das zweite noch versagt? Eine kräftezehrende Angelegenheit, so ein Flug.
(© Foto: dpa)
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Julia ist Informatikerin und betreut seit kurzem internationale Projekte, vor allem in den USA. Das ist mit Videokonferenzen allein nicht getan. Da muss man hin und wieder auch persönlich vorbeischauen. Zweimal schon hat sie interessante Jobs ausgeschlagen, aus Angst vorm Fliegen. Die neue Chance wollte sich die 38-Jährige nicht entgehen lassen. Augen zu und durch?
Ein Konferenzraum mit Namen "Fokker" im Düsseldorfer Airport Hotel. "Wie passend", grummelt ein Teilnehmer des "Seminars für entspanntes Fliegen". Seit 1981 veranstaltet die Münchner Agentur Texter-Millott im Auftrag der Lufthansa Kurse für Flugängstliche. Dreizehn Leute, fünf Männer und acht Frauen, haben sich an diesem Samstag eingefunden, um ihrer Angst den Garaus zu machen. Dreizehn, oh Gott. Irina kommt als Technikerin beim Fernsehen viel herum und muss daher flugtauglich sein. Angela fängt gerade als Unternehmensberaterin an - die leben bekanntlich im Flugzeug. Und auf André wartet die Frau seines Lebens in Kirgisien.
Geflogen ist hier jeder schon einmal. Aber wer es sich leisten konnte, hat es bislang gemieden, mancher schon seit Jahren. Dass die Frauen in der Überzahl sind, ist für Rudolf Krefting nichts Neues. "Es gibt genauso viele Männer wie Frauen mit Flugangst", sagt der Diplom-Psychologe. "Es fällt ihnen nur schwerer, offen damit umzugehen." Als Mann der ersten Stunde hat er 25 Jahre Erfahrung mit Flugangsthasen. Und davon gibt es mehr, als man denkt. Laut Institut für Demoskopie Allensbach leiden 16 Prozent der deutschen Passagiere unter Flugangst. Weitere 22 Prozent fühlen sich äußerst unwohl über den Wolken.
Das ist nur natürlich. Der Mensch ist nun mal nicht dafür gemacht, zwischen Himmel und Erde zu schweben. Ihm fehlt nicht nur die entsprechende körperliche Ausstattung, es mangelt ihm auch an der nötigen Sensorik, um Schieflagen in der dritten Dimension einordnen zu können. Und die gibt es immer bei Start, Landung und in Kurven, die der Flieger in den Himmel schraubt. Turbulenzen schlagen jedem ein bisschen auf den Magen. Für manche aber ist das ein so starkes Gefühl wie auf der Achterbahn, nur dass jemand die Schienen geklaut hat.
Krefting setzt auf Aufklärung. Warum macht dem einen das Abheben nichts aus, während sein Sitznachbar hyperventiliert? "Weil beide denselben Schlüsselreiz anders bewerten." Den Ängstlichen verschreckt schon das Geheul der Airbus-Triebwerke - das dem Röhren eines alten Benzin-Rasenmähers sehr nahe kommt. Wenn dann beim Erreichen der Flughöhe der Schub zurückgenommen wird, die Maschine leicht absackt und das Geröhre schlagartig aufhört, fühlt er sein letztes Stündlein gekommen: "Wir stürzen ab!" Der Körper reagiere darauf mit der Ausschüttung eines Hormoncocktails, das Blut gehe in die Beinmuskeln und die Verdauung werde eingestellt, was Übelkeit verursacht, sagt Krefting.
Gespannt wie ein Flitzebogen bereitet der Mensch sich darauf vor, den Feind in die Flucht zu schlagen oder sich selber vom Acker zu machen. Dieses Neandertal-Gehabe ist in einem Flugzeug höchst unbrauchbar. Und so muss sich der Ängstliche in sein Schicksal ergeben - mancher betäubt von Alkohol oder Beruhigungstabletten - und bibbern, bis er wieder heil am Boden ist. "Muss er eben nicht", erklärt der Psychologe. Erstens könne er etwas an der Bewertung der Situation ändern und zweitens mit Entspannungsübungen dafür sorgen, dass sich der Neandertaler, der tief in ihm lauert, beruhigt. Es gelte, sich der Angst, die man sich selber mache, aktiv zu stellen.
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Abholzungen im Amazonas-Gebiet