Müssen Schüler Bilanzen lesen? Oder lieber Spanisch lernen, weil Südamerika als Markt immer wichtiger wird? Nicht einmal Eltern sind sich einig, was in der Schule über Wirtschaft vermittelt werden soll.
Der Vater, der selbst ein Manager ist, sagt: "Da müssen Manager in die Schule, die den Kindern Wirtschaft beibringen. Das können die Lehrer doch gar nicht." Die Mutter, eine Wirtschaftsprüferin, sagt: "Die sollten ruhig auch schon mal eine Bilanz sehen." Dann mischt sich die Angestellte eines Konzerns ein, der viele Geschäfte in Südamerika macht. "Vor allem müssen sie Spanisch lernen, und nicht Französisch oder Latein", sagt sie.
Wirtschaft in der Schule: Ist die Ökonomie so zentral wie Mathematik? (© Foto: ap)
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"Das ist doch Unsinn, Französisch ist nach wie vor die Kultursprache Nummer eins", empört sich der Herr, der seit Jahren im Auswärtigen Dienst tätig ist. "Am besten erklärt man den Kindern doch Wirtschaft anhand einer Tageszeitung", sagt der Vater, der Wirtschaftsredakteur ist. "Ach was", meldet sich ein Vater zu Wort, der selbst Lehrer ist: "Wirtschaft lernen die Kinder noch früh genug. Wir sind doch für die Allgemeinbildung zuständig. Ich sage nur: Pisa."
Allgemeinbildung oder Spezialwissen?
Szenen aus Elternbeiräten deutscher Gymnasien, idealtypisch zusammengestellt. Gemeinsam haben sie eins: keine klare Linie. Was Schüler über Wirtschaft lernen sollen oder eben nicht lernen sollen, dazu haben vier Eltern und Lehrer fünf Meinungen, mindestens.
Klar ist nur: Die große Trennlinie liegt zwischen "ein bisschen Wirtschaft" und "Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft" - je mehr, desto besser. Gerne wird in dieser Debatte das deutsche Bildungsideal problematisiert: Humboldt oder nicht Humboldt, also eine möglichst breite Allgemeinbildung humanistischer Prägung oder aber die Vermittlung von Spezialwissen in einer sich verändernden Welt.
So zentral wie Mathematik
Wilhelm von Humboldt war als eine Art Kultusminister Preußens in den Jahren 1809/10 kurzzeitig für das ganze Schulsystem von der Volksschule bis zu den Universitäten zuständig. Er forcierte dort die Allgemeinbildung, getreu dem Motto "Bildung ist nicht gleich Ausbildung". Humboldts Ansatz ging aber noch weit darüber hinaus.
Er wollte, ganz im Sinne der Aufklärung und des erstarkten Bürgertums, die Unabhängigkeit der Universität vom Staat, freie Studienwahl und freie Studienorganisation. Und so kommt man mit Humboldt in der aktuellen Diskussion über Wirtschaft in der Schule nicht weiter, es sei denn, man würde die Frage eindeutig beantworten können, ob die Wirtschaftswissenschaften zur Allgemeinbildung gehören - oder eben nicht. Im Kern geht es also um die Frage des Stellenwerts der Wirtschaft im Leben der Heutigen. Ist sie ein Spezialfach wie "Theater" oder "Chinesisch", das man je nach Neigung wählen oder abwählen kann? Oder ist die Ökonomie so zentral wie Mathematik, Geschichte, Biologie oder Erdkunde?
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Venizelos kritisiert IWF-Chefin
@cooldog: Wirtschaftswissenschaften sind durchaus Wissenschaften, nur eben keine Naturwissenschaft, sondern Gesellschafts- und zum Teil Geisteswissenschaften. Also von wegen geistlos. Wenn man erst mal über das einfache Kreislaufmodell hinausgekommen ist, steigen einige Leute schon mal überfordert aus. Und mit Ihrem Argument dürfte auch Physik keine Wissenschaft mehr sein, denn man sieht ja, was mit der Atombombe Schaden angerichtet werden kann. Und nachdem Sie sich vor Wirtschaft gedrückt haben, können Sie die Inhalte des Unterrichts nicht beurteilen. Es beschränkt sich nicht auf BWL, es überwiegen sogar oft VWL- und Recht-Anteile.
In der neuen Ich-kann-Schule ist die Frage, was über Wirtschaft vermittelt werden sollte, ganz klar zu beantworten: Gar nichts. Lehren bedeutet nämlich nicht "vermitteln" sondern "mit mitreißendem Beispiel vorausziehen", und dafür muss man erst einmal sein eigenes Interesse entrdecken und damit losziehen. Und wenn einen dann die Erfahrungen, die man auf der Fährte Wirtschaft macht dermaßen erfreuen, dass andere darauf aufmerksam werden und sich aufgrunddessen dafür zu interessieren beginnen, dann ist SOG-Wirkung entstanden und dann stellen sich so komische Fragen nach der Vorgabe welcher Schablone gar nicht, denn dann wollen alle alles wissen und sich miteinander darüber austauschen. Das ist allerdings Ich-kann-Schule-Niveau und unsere Schulen und Hochschulen sind noch auf Du-musst-Schule-Niveau.
Ich grüße herzlich.
Franz Josef Neffe
Von allem ein bisschen was geschieht ja, zumindest in den Ländern, in denen Wirtschaft und Recht unterrichtet wird. Die Schule soll Grundlagen legen, und das macht sie. Die Spezialisierung erfolgt später. Natürlich ist es gut, hin und wieder Leute aus der Praxis in den Unterricht einzuladen, aber nicht nur: denn denen fehlt die psych./päd./didaktische Qualifikation. Und ich möchte auch besser nicht wissen, was ein Manager den Schülern über VWL erzählen würde, der Frosch im Brunnen würde wohl seine Perspektive weitergeben.
Zunächst mal ist `Wirtschaft' schlicht geistlos. Naturwissenschaften oder Sprachen
erfordern Denkfähigkeit, und ich wüsste nicht wo man bei `Wirtschaft' denken muss
So ein Unsinn. Selbstverständlich muss man denken, wenn man die (großen) wirtschaftlichen Zusammenhänge, die Abhängigkeiten voneinander verstehen will. Man sollte es sogar, um wirklich den Wahrheitsgehalt der schönen Reden und Zeitungsmeldungen beurteilen zu können, mit denen wir zur Zeit erschlagen werden. Man sollte z.B. verstehen, wie Inflation zustande kommen kann, was den "Wert" des Geldes eigentlich bestimmt usw. undsofort.
Im Gymnasium hatten wir von der 5ten bis zur 12ten Klasse entweder Musik oder Bildende Kunst. In keinem der beiden Fächer wurde wirklich etwas gelehrt, sondern (in Musik) gesungen, Notenhörprüfungen OHNE irgendeine Vorbereitung gemacht. Musikgeschichte? Fehlanzeige! Das selbe in Kunst: Keinerlei Anleitungen, macht mal, ich lese derweil Zeitung... Diese beiden Fächer könnte man wegen mir in dieser Form sofort abschaffen.
Technik hatten wir gerade mal ein Jahr in der fünften Klasse und durften dort so tolle Dinge machen, wie ein Riesenrad mit Fischertechnik bauen (wozu es aber nicht genügend Teile im Kasten gab) oder ein Vogelhäuschen zimmern - nur dass man das Material dazu selbst organisieren musste. Ein ordentlicher Unterricht in Sachen Werken, den man dann später auch gebrauchen könnte fand nicht statt...
Derselbe Unsinn in Sport: Gut Bewegung als Ausgleich. Aber warum dann Boden-, Geräteturnen, Leichtathletik, alles Dine, an dem die wenigsten Freude hatten? Und natürlich auch hier nur wenig Hilfestellung wenn überhaupt.
sollte es doch ein Zeichen von Selbstbewusstsein und Intelligenz sein, nicht jeder Sau hinterherzuhetzen, die durchs (Bildungs-)Dorf getrieben wird. Was die unterwürfige Anpassung an von irgendwelchen Wirtschaftsverbänden geforderten "Verbesserungen" bewirkt, lässt sich am bayerischen G8 besonders gut beobachten. Das heisst nicht, dass hier einem vergangenen, reichliche elitären Bildungsideal das Wort geredet werden soll, ein Ideal, das zuallererst der Abschottung unseres Bildungsbürgertums vor den Zumutungen anderer Bevölkerungskreise dienen sollte und dabei ganz besonders "erfolgreich" ist. Was Not tut ist eine Besinnung auf das, was Schule und Bildung ausmachen soll: Die bestmögliche Weckung und Förderung von Fähigkeiten und Talenetn. was gibt uns eigentlich das Recht, Teiltalente von einer akademischen Ausbildung fernzuhalten, bloß weil der Dünkel es erfordert, einen mathematisch/naturwissenschaftlich talentierten jungen Menschen mit zwei bis drei Fremdsprachen zu überfordern (gilt umgekehrt ganz genauso!)
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