Gleichberechtigung Darum gibt es so wenige Frauen in der Finanzbranche

Ihr Tagesgeschäft sei nicht so schwierig, wie viele denken, sagt die Bankerin Sabine Schoon. Sie will andere Frauen ermutigen, in der Finanzbranche zu arbeiten. Hier ist eine Frau in der Frankfurter Börse zu sehen.

(Foto: Getty Images)
  • Die Finanzexperten in Deutschland sind fast alle männlich - sowohl in den Konzernen als auch in der Politik.
  • Jungen Frauen fehlt es deshalb an Vorbildern, die sie zu einem Aufstieg in Spitzenämter ermutigen. Sie halten die Aufgaben häufig für komplexer als sie sind.
  • Eine Studie zeigt: Neben der Dominanz der Männer schreckt auch der schlechte Ruf der Finanzbranche Frauen ab.
Von Cerstin Gammelin, Berlin, und Meike Schreiber, Frankfurt

Sabine Schoon macht etwas für die Finanzbranche Ungewöhnliches: Sie stapelt tief. Mit 37 Jahren ist die Frankfurterin zwar Bereichsleiterin bei der Comdirect, verantwortlich für dreißig Leute und zuständig dafür, dass die Strategie der Direktbanktochter der Commerzbank umgesetzt wird. Sie findet aber, die Finanzbranche müsse sich besser verkaufen, um mehr Frauen zu gewinnen - nicht nur als Kundinnen für die Geldanlage, sondern auch für die Führung. Und dazu müsse man dringend mit Mythen aufräumen, in einer Branche, in der man sich gerne für durchgearbeitete Nächte brüstet oder dafür, nie den Jahresurlaub zu nehmen.

Die Bankerin erzählt daher gern, wie ihr Tagesablauf bei der Bank aussieht. "Das ist kein Hexenwerk, das können andere Frauen auch", sagt sie. Die Arbeit bei einer Bank werde viel zu sehr mystifiziert. Sie selbst baue etwa die digitale Vermögensverwaltung aus oder entwickle das Wertpapier-Depot weiter - dafür müsse sie aber längst nicht "den ganzen Tag Excel-Sheets oder den Taschenrechner quälen". Mit dem Dreisatz sei sie bisher in ihrem Berufsalltag meistens gut hingekommen, auch wenn sie bei Bedarf komplexere Simulationen rechnen könne.

In kaum einer Branche ist der Aufstieg in eine Spitzenposition für Frauen so unwahrscheinlich wie im Finanzsektor.

In den Aufsichtsräten wirkt die Quote

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Schoon versteht sich als Vorbild, um anderen Frauen Mut zu machen, Führungspositionen zu übernehmen. Denn: Nicht nur bei der Bank, auch in den Chefetagen anderer Unternehmen und in der Politik sind Finanzexpertinnen rar. Das belegt auch eine von der Comdirect in Auftrag gegebene Studie ("Die Vorbilder-Lücke") über Finanzfrauen in Deutschland. Demnach finden sich etwa bei Dax-Konzernen, der ersten Liga der deutschen Wirtschaft, kaum "Finanzfrauen", also Frauen, die für Finanzen oder Controlling zuständig sind beziehungsweise im Prüfungsausschuss eines Aufsichtsrates sitzen. Von 666 Finanzexperten, die im Dax-Vorstand oder Aufsichtsrat sitzen, sind nur 74 Frauen.

Bundesdeutsche Finanzpolitik ist Männersache

Die überragende Mehrheit (nämlich 60) befindet sich im Aufsichtsrat. Auf Dax-Vorstandsebene finden sich lediglich 14 Frauen mit besonderer Finanzexpertise, davon derzeit nur zwei als Finanzvorstand. Im Vorstand von Banken und Versicherungen im Dax gibt es nur fünf Frauen.

In der Politik sieht es nur wenig besser aus. In Bund und Ländern finden sich fünf Ministerinnen für Wirtschaft oder Finanzen, zum Beispiel Edith Sitzmann, grüne Finanzministerin in Baden-Württemberg, oder Ilse Aigner, CSU-Wirtschaftsministerin in Bayern. Das entspricht zwar jeweils 29 Prozent aller Wirtschafts- oder Finanzministerposten, im Bund aber ist derzeit nur ein "Wi-Fi"-Ministerium in Frauenhand.

Auch in den Verhandlungen für eine neue große Koalition in Berlin dominieren Männer. In der Arbeitsgruppe Finanzen und Steuern verhandeln 16 Politiker, nur drei davon sind weiblich. Damit setzt sich die Tradition wohl fort, dass bundesdeutsche Finanzpolitik ausschließlich von Männern gemacht wird. Noch nie saß dort eine Frau auf dem Chefsessel, auch die Ebene darunter war stets männlich dominiert. Derzeit regiert im Bundesfinanzministerium in der Berliner Wilhelmstraße ein Minister mit fünf Staatssekretären. Und auch die Kandidaten für das Amt in der nächsten Regierung sind allesamt männlich.