Von Nina Bovensiepen

Der Krankenstand in den Unternehmen ist 2006 auf ein Rekordtief gefallen. Arbeitsmarkt-Experten sind beunruhigt.

Viele Arbeitgeber wird es freuen, für Heinz Stapf-Finé sind die Nachrichten aus dem Gesundheitsministerium dagegen keine Erfolgsmeldung. ,,Das ist ein ungesunder Krankenstand'', interpretiert der DGB-Experte für Sozialpolitik die Nachricht vom Montag, derzufolge die Fehlzeiten wegen Krankheit in Deutschland 2006 auf ein ,,Rekordtief'' gesunken sind.

Fehlzeiten der Beschäftigten: Der Krankenstand in den Unternehmen ist 2006 auf ein Rekordtief gefallen. Arbeitsmarkt-Experten sind beunruhigt.

Lieber krank im Job als arbeitslos: "Der Druck in den Unternehmen steigt ", berichten Betriebsräte. (© Foto: iStockphoto)

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Nur noch 7,2 Arbeitstage oder 3,29 Prozent der sogenannten Soll-Arbeitszeit haben die Beschäftigten nach vorläufigen Zahlen im vergangenen Jahr gefehlt. Das siebte Jahr in Folge wäre die Zahl der Fehltage wegen Krankheit damit rückläufig. Um etwa 20 Prozent ist der gemeldete Krankenstand in der Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren gesunken, noch nie seit Einführung der Erhebungsmethode im Jahr 1970 haben sich die Arbeitnehmer im Westen so wenig krank schreiben lassen wie heute.

Nach Meinung von Stapf-Finé heißt das allerdings nicht, dass die Deutschen im Jahr 2006 viel gesünder und fitter waren als 1970. ,,Aus Angst, ihren Job zu verlieren, schleppen sich viele Menschen krank zur Arbeit'', meint der DGB-Mann. Auch die stärkere Kontrolle durch die Chefs führe in vielen Unternehmen dazu, dass Arbeitnehmer lieber krank als gar nicht ins Büro oder die Fabrik gingen. Der Gesundheitsreport 2006 des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK) nennt weitere Gründe für den sinkenden Krankenstand. So hätten die hohe Arbeitslosigkeit und die Entlassungen in vielen Firmen dazu geführt, dass nun eine verjüngte und gesündere Mannschaft beschäftigt sei. Auch die steigende Zahl von Berufen, die nicht mit körperlicher Arbeit, sondern mit geistiger oder dienstleistender Tätigkeit verbunden sind, führe zu weniger Krankheitstagen - ein Datenverarbeiter fehlt laut der BKK-Studie nur etwa halb so oft wie ein Müllmann.

Mit der Arbeitswelt haben sich zugleich Häufigkeit und Art der Krankheiten geändert, wegen derer Beschäftigte zuhause bleiben. So stehen Muskel- und Skelettkrankheiten - dazu gehören vor allem Rückenleiden jeglicher Art - zwar immer noch auf dem ersten Platz der häufigsten Krankheitsarten. Ihr Anteil ist entsprechend der Zahl der Menschen mit körperlich anstrengender Arbeit in den vergangenen Jahren aber stark gesunken. Auch Herz- und Kreislauferkrankungen sind rückläufig. Immer größere Bedeutung bekommen dagegen psychische Erkrankungen. Seit 1976 hat sich ihr Anteil laut BKK mehr als vervierfacht, bei Frauen sind psychische Leiden von Schlafstörungen bis zu schweren Depressionen die dritthäufigste Krankheit.

DGB-Vorstand Stapf-Finé wundert das nicht. ,,Alle Betriebsräte schildern uns, dass der Druck in den Unternehmen steigt'', sagt er. 91 Prozent der Arbeitnehmervertreter hätten in einer Betriebsräte-Umfrage über wachsende psychische Belastungen berichtet. Auch hier spiele die Angst um den Job eine Rolle, aber auch Mobbing. Hinzu komme eine ,,Kultur des Wegschauens'' vielerorts, wenn es um das Wohl von Kollegen gehe, sagt Stapf-Finé. Über längere Frist, so meint der Gewerkschafter, sei ein immer weiter sinkender Krankenstand daher nicht gut für eine Gesellschaft.

Vielleicht ändert sich daran ja auch bald etwas. Denn mit den besseren Konjunkturdaten könnte die Angst der Menschen um ihren Arbeitsplatz abnehmen. Vielleicht steigt dann auch wieder die Zahl der Krankheitstage. In den vergangenen Monaten hat das Gesundheitsministerium allerdings noch keinen solchen Effekt in seinen Zahlen bemerkt.

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(SZ vom 16.1.2007)