Von Von Berit Schmiedendorf

Familienfreundlichkeit im Betrieb zahlt sich aus. Das haben jetzt auch Unternehmensberatungen und Ministerien entdeckt.

Die smarten Jungs mit den schönen Schlipsen: Sie arbeiten twentyfourseven, also sieben Tage lang rund um die Uhr, entspannen höchstens mal in der Flughafenlounge und wechseln ihre gut dotierten Jobs so schnell wie die Maßhemden. Die Beraterbranche ist ein hartes Geschäft. Doch das soll sich ändern, zumindest bei Roland Berger. Die Unternehmensberatung unterwirft sich gerade dem "Audit Beruf & Familie" der Hertie-Stiftung, die mit diesem Instrument seit sechs Jahren familienbewusste Personalpolitik fördert.

Mutter mit Kind am Arbeitsplatz

Eltern-Kind-Arbeitszimmer bei der Bundesversicherungs- anstalt für Angestellte. (© Foto: ddp)

Anzeige

"Früher kamen hauptsächlich Unternehmen aus dem Dienstleistungsbereich. Und natürlich solche, die sich klassischerweise mit Frauenförderung beschäftigen, wie die Bundesversicherungsanstalt für Arbeit", sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf & Familie gGmbH, die das Audit anbietet. Banken, Krankenkassen und Stadtverwaltungen waren die ersten, die eine familienfreundliche Firmenpolitik für sich entdeckten. Doch in das vermeintlich weiche Thema ist Bewegung gekommen: Becker zeigt neuerdings auch anderen Branchen, wie deren Mitarbeiter Beruf und Familie besser unter einen Hut kriegen können: Ministerien, Hochschulen, Handwerksbetriebe und sogar Unternehmensberatungen stellen sich nun dem Audit.

Turnen die Sprösslinge der BergerBerater also demnächst durch die Konferenzräume, wenn im Kindergarten Putztag ist? Nicht ganz. "Zunächst geht es uns darum, die Akzeptanz für dieses Thema weiter zu erhöhen", sagt Projektmanagerin Ute Lysk. Derzeit werden beispielsweise Meetings gerne am Freitagabend um 20 Uhr angesetzt, da kann schließlich jeder Mitarbeiter. Ob er aber auch will? "In der Vergangenheit gab es kaum Debatten über Arbeitszeit", so Lysk, "doch das ändert sich. Die gegenseitige Rücksichtnahme wächst."

Teilzeit funktioniert nicht immer

Jedes Audit beginnt mit einer Bestandsaufnahme. Bei Roland Berger zeigte sich, dass es bereits einige Maßnahmen für mehr Familienfreundlichkeit gibt: Sabbaticals und Teilzeitmodelle existieren längst, sie werden von den durchschnittlich 35 Jahre alten Mitarbeitern nur kaum genutzt. Von den 370 Beratern in Deutschland arbeiten gerade mal drei Frauen Teilzeit. "Viele Kunden sind bereit, feste Termine mit unseren Beratern zu vereinbaren", sagt Lysk. Es sei allerdings nicht alles vereinbar mit Familie. "Wenn wir zum Beispiel für ein Unternehmen arbeiten, das in einer akuten Finanzkrise steckt, kann das kein Berater übernehmen, der nur dienstags, mittwochs und donnerstags verfügbar ist."

Zehn Hochschulen und 40 Firmen sind gerade mitten drin im Audit, insgesamt 133 Unternehmen haben es seit 1999 durchgeführt. "Allein in diesem Jahr wird sich mit 70 bis 80 Unternehmen die Zahl der teilnehmenden Firmen verdoppeln", freut sich Stefan Becker. Als Becker 1999 während des Internethypes loslegte, nahmen im ersten Jahr gerade mal acht Firmen am Audit teil. Wie kommt es, dass sich ausgerechnet in wirtschaftlich schwierigen Zeiten so viele Manager und Personalverantwortliche Sorgen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen? "Da gibt es einen Zusammenhang: Man muss mit der bestehenden, oft knappen Mannschaft weiter auf Erfolgskurs gehen. Unternehmen unterziehen sich dem Audit ja nicht, weil sie die Familien in Deutschland retten wollen, sondern weil sie gewinnorientiert sind."

Die Commerzbank AG, seit fünf Jahren dabei, hat das relativ früh erkannt. Bereits 1989 beschäftigte man sich dort mit dem Thema Chancengleichheit. 1999 richtete das Geldinstitut als bundesweit erste Firma eine Kindernotfallbetreuung ein, die jährlich rund 160.000 Euro dadurch erwirtschaftet, dass Eltern dank dieser Einrichtung auch beim Ausfall der regulären Betreuung arbeiten gehen können. Eine eigene Kindertagesstätte für die Ein- bis Dreijährigen wird in diesem Sommer in unmittelbarer Nähe der Bank eröffnet, eine kostenlose Beratungs- und Vermittlungsmöglichkeit rund um das Thema Kind steht ebenfalls allen Mitarbeitern offen.

Unter dem Stichwort "Fokus Väter" führt die Commerzbank zusammen mit dem Deutschen Jugendinstitut außerdem gerade eine Studie bei ihren männlichen Mitarbeitern durch. "Wir wissen von vielen Vätern, dass sie mehr in der Familie tun wollen", sagt Barbara David, Leiterin des Bereichs Diversity. "Dass Väter jeden Tag acht Stunden arbeiten und Frauen die ganze Familienarbeit machen, kann nicht sein", findet die Mutter eines 15-Jährigen. Sie will nicht nur flexibles Arbeiten für alle Mitarbeiter möglich machen, sondern auch Rollenbilder verändern. Das scheint zu gelingen: Bereits jetzt arbeiten 20 Prozent der Commerzbank-Mitarbeiter Teilzeit, davon sind 15 Prozent Männer.

Dass Familien nicht nur aus Vater, Mutter und Kind bestehen, bemerken die Auditoren gerade wieder mal beim Auswärtigen Amt. Auch Joschka Fischer setzt auf Familienfreundlichkeit und lässt seine Behörde zertifizieren. "Hier merken wir, dass bei vielen Mitarbeitern nicht der Nachwuchs, sondern die Eltern der Mitarbeiter die Schwierigkeit sind. Bei einem Umzug nach Rio de Janeiro ist es machbar, Frau und Kinder ins Ausland mitzunehmen, doch was ist mit der pflegebedürftigen Mutter?" Viele Unternehmen hätten das Thema Kinderbetreuung längst erledigt, sagt Becker. Plötzlich gehe es in den Firmen nicht mehr um Belegplätze im Kindergarten, sondern um Belegbetten im Altenheim.

Ein neuer Generationenvertrag

Auch die Landesversicherungsanstalt in Hannover hat sich eine altersausgewogene Personalpolitik im Rahmen des Audits zum Ziel gesetzt: So soll die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter bis 65 Jahre angestrebt, ein gesunder Altersmix und eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung zwischen Jüngeren und Älteren geschaffen werden. Die Weleda AG in Schwäbisch-Gmünd hat bei der Audit-Befragung junger, älterer und ehemaliger Mitarbeiter herausgefunden, dass den jeweiligen Bedürfnissen am besten ein Generationen-Netzwerk abhelfen kann: Wer einen Baybsitter oder Computerexperten braucht, schaut nun im Schaukasten der Firma nach und tauscht Dienst gegen Dienst. So soll das, was früher die Familie geleistet hat, durch Mitarbeiter und ehemalige Kollegen aufgefangen werden: "Biete Hilfe in Notfällen zu jeder Zeit" verspricht beispielsweise eine Rentnerin.

Dass sich der ganze Wirbel um familienfreundlichere Firmenpolitik rechnet, hat die Prognos AG bereits 2003 in ihrer Studie "Betriebswirtschaftliche Effekte familienfreundlicher Maßnahmen - Kosten-Nutzen-Analyse" belegt. Der return on investment in den betroffenen Unternehmen liegt danach um die 25 Prozent. Ute Lysk musste diese Zahl bei der Präsentation der Audit-Ziele vor der Roland-Berger-Geschäftsleitung gar nicht erst präsentieren. "Finanzielle Argumente wiegen hier weniger schwer. Die Maßnahmen sollen vor allem helfen, Mitarbeiter zu binden und neue zu gewinnen."

Leser empfehlen 

(SZ vom 9.4.2005)