Von Birgit Taffertshofer

Die Bundesregierung will mehr Facharbeiter an die Universitäten bringen. Deshalb vergibt sie Stipendien an Berufstätige - die so den Fachkräftemangel beheben sollen.

Geht es nach der Bundesregierung, ist der Berufsweg von Matthias Holk beispielhaft. Abitur hat er nicht, aber dennoch will es der Berliner Techniker noch zum Ingenieur bringen. In der Diskussion über den Fachkräftemangel wirbt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) seit langem dafür, dass auch Facharbeiter an die Hochschule gehen.

Hörsaal, Universität Stipendium Berufstätige, dpa

Facharbeiter im Hörsaal: Fast 3000 Berufstätige haben sich in der ersten Auswahlrunde um ein Aufstiegsstipendium beworben. (© Foto: dpa)

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Die neuen Aufstiegsstipendien sollen ihnen nun das Studium erleichtern - und die Förderung ist offenbar äußerst begehrt: Fast 3000 Berufstätige haben sich in der ersten Auswahlrunde darum beworben. Bislang wollte die Bundesministerin bis Ende 2009 nur 1000 Stipendien vergeben. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung wird die Zahl der Stipendien nun aber zumindest auf 1500 erhöht.

Studium muss nebenher gelingen

Die Aufstiegsstipendien richten sich vor allem an Berufserfahrene, die weder ein Abitur noch ein Fachabitur vorweisen können. Lediglich ein Drittel der bisher etwa 500 ausgewählten Stipendiaten verfügen über eine allgemeine Hochschulreife. Und was Schavan besonders freuen dürfte: Knapp 40 Prozent von ihnen planen wie Matthias Holk ein Studium in den sogenannten Mint-Fächern, also im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, wo viele Fachkräfte fehlen. Verschärft wird dieser Mangel in Deutschland künftig noch durch den demographisch bedingten Rückgang der Schülerzahlen.

Während Stipendiaten, die ihren Job für das Studium aufgeben, pro Monat bis zu 650 Euro plus Büchergeld und Kinderbetreuungspauschale erhalten, muss sich Matthias Holk mit 1700 Euro jährlich zufriedengeben. Das ist nicht viel, aber zumindest spare er sich dadurch ungefähr die Hälfte der Studiengebühren, sagt er. Als Familienvater hätte er es sich nicht leisten können, seinen Stelle beim Deutschen Wetterdienst aufzugeben. Das Studium muss nebenher gelingen. Lernen will er am Wochenende, auf Dienstreisen oder abends, wenn seine fünfjährige Tochter im Bett ist.

Dürftige Angebote

Die größte Hürde hat Matthias Holk aber bereits gemeistert: Er hat einen Studienplatz. Bisher regelt jedes Bundesland für sich, wer von den Bewerbern ohne Abitur überhaupt studieren darf. In Niedersachsen können alle Meister frei studieren, andernorts gibt es kompliziertere Bewerbungsverfahren mit Einstufungstests oder ein Studium "auf Probe". Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Angebote der Hochschulen für berufsbegleitende Studien sind bisher sehr dürftig. Der Anteil der Studenten, die ihre Hochschulreife nicht auf dem Gymnasium, einer Gesamt- oder Abendschule erworben haben, liegt bundesweit deshalb gerade einmal bei vier Prozent.

Die OECD rügt Deutschland immer wieder für die geringe Zahl der Quereinsteiger an den Hochschulen. Auf dem Bildungsgipfel haben Bund und Länder zwar beschlossen, bundesweit einheitliche Aufnahmebedingungen zu schaffen. Geplant ist, dass Meister, Techniker und Fachwirte einen allgemeinen Hochschulzugang erhalten sollen, Gesellen mit drei Jahren Berufserfahrung bekommen eine fachgebundene Studiererlaubnis. Doch vor allem die Länder wollen sich dafür noch Zeit lassen. Matthias Holk hätte gerne an einer der Berliner Universitäten studiert, doch passende Teilzeitstudiengänge fand er dort nicht. Ein halbes Jahr suchte er im Internet nach einem Studienplatz. Am Ende blieb nur eine Fern-Uni, bei der er jetzt jährlich etwa 3500 Euro Studiengebühren bezahlen muss.

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(SZ vom 16.12.2008/bön)