Fachkräftemangel im MINT-Bereich Wirtschaft will im Ausland Studenten abwerben

Ausländische Studenten sind laut der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes oft kaum integriert

(Foto: AFP)

Mangel in MINT: In Deutschland fehlen mehr als 50 000 Fachkräfte für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Hochschulen und Arbeitgeber wollen deshalb systematisch um ausländische Studenten werben - und fordern dafür Unterstützung von Bund und Ländern ein.

Von Johann Osel

Angesichts eines drastischen Fachkräftemangels in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen wollen Hochschulen und Arbeitgeber systematisch Studenten aus dem Ausland anwerben - und fordern dafür Unterstützung von Bund und Ländern ein. Aktuell fehlten mehr als 50 000 Fachkräfte in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, den sogenannten MINT-Fächern, auch der künftige Bedarf sei allein mit Deutschen nicht zu decken. Dies geht aus Empfehlungen hervor, die das Nationale MINT-Forum auf einem Kongress am Donnerstag in Berlin beschließen wird und die der Süddeutschen Zeitung vorliegen. "Der Wohlstand des ganzen Landes steht auf dem Spiel", sagt Ellen Walther-Klaus, Koordinatorin des MINT-Forums.

In dem Gremium sind die Hochschulrektorenkonferenz, Arbeitgeberverbände und Industrie- und Handelskammern aktiv, es wird von Bund und Ländern unterstützt. Auf der Tagung wird die Chefin der Kultusministerkonferenz, Sylvia Löhrmann, eine Rede halten, 2013 sprach bereits Bundesbildungsministerin Johanna Wanka.

Das Forum empfiehlt eine "schlagkräftige Kampagne" unter der Ägide des Bundes, die das MINT-Studium in Deutschland anpreist und bisherige einzelne Initiativen bündelt, etwa durch ein zentrales Online-Portal. Dazu soll es ein neues Stipendium geben, das analog zum Bafög bedürftigen MINT-Studenten aus dem Ausland hilft. Denkbar sei ein Fonds, in den staatliche und private Mittel fließen. Gezielt werben will man an den gut 140 deutschen Schulen im Ausland, da deren Abgänger schon Sprachkenntnisse mitbringen.

Daneben sollen die Unis die Betreuung der neuen Zielgruppe verbessern. 2013 hatte die Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes gemeldet, dass ausländische Studenten oft kaum integriert seien. Walther-Klaus sieht teils gar eine "Ghetto-Situation", die es zu vermeiden gelte. Zentren für internationales Publikum sollen auf jedem Campus entstehen, fordert der Kongress - für "eine Willkommenskultur" und den Übergang in den Beruf. Finanziell helfen könne der Bund mit einem Wettbewerb, der gelungene Internationalisierungs-Konzepte der Unis fördert. Die Experten verweisen auf eine Studie, nach der nur ein Viertel der ausländischen Studenten nach dem Abschluss im Land bleibt. Das entspreche derzeit nur 5000 ausländischen MINT-Kräften für den Arbeitsmarkt.

Mit der Zahl der Erstsemester - zuletzt gut ein halbe Million im Jahr - ist zwar auch die der MINT-Studenten gestiegen. Dies reicht aber anscheinend nicht aus. Auch brechen in MINT-Fächern bis zu 50 Prozent eines Jahrgangs ihr Studium ab; und die Zahl der Studenten und damit der möglichen MINT-Absolventen wird demografisch bedingt sinken. In zehn Jahren werden sich laut Prognose insgesamt gut 80 000 Studenten weniger einschreiben als heute. "Die jährliche Anzahl an Hochschulabsolventen wird den Bedarf nicht decken", heißt es beim MINT-Forum. Jüngste Nachwuchsprojekte wie etwa Gymnasiasten-Labore an Unis verfehlen offenbar ihr Ziel.