Ein Gastbeitrag von Sebastian Gallander

Jugendliche Bewerber mit Hauptschulabschluss haben bei vielen Unternehmen keine Chancen. Ein Fehler, denn damit allein lässt sich keine Aussage über die Leistungsfähigkeit eines Jobanwärters treffen. Die Konzerne sollten bei der Auswahl der Mitarbeiter sozial durchlässiger werden - auch zu ihrem eigenen Nutzen.

Es gibt immer weniger geeignete Fachkräfte für die Wirtschaft. Gleichzeitig gibt es immer mehr Jugendliche, die aus benachteiligten Verhältnissen kommen und kaum eine Chance für den sozialen Aufstieg sehen. Unternehmen könnten beide Probleme lösen.

Chancen auf Ausbildungsplatz verbessern sich Bild vergrößern

Viele Ausbildungsplätze werden inzwischen nur noch mit Realschülern oder sogar Abiturienten besetzt. Dass auch Jugendliche mit Hauptschulabschluss oder gar ohne Schulabschluss sehr leistungsfähig sein können, wird ignoriert. (© dapd)

Anzeige

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen betont in ihrem neuesten Arbeitskräftereport, dass unter anderem zwei Hebel besonders wichtig sind, um die Fachkräftebasis in Deutschland zu sichern: die qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland und die stärkere Qualifizierung der Menschen in Deutschland.

Die Zuwanderung könnte beispielsweise dadurch steigen, dass die Bürger aus vielen neuen EU-Beitrittsländern seit Mai dieses Jahres die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit genießen. Diese wird allerdings bisher nur wenig genutzt, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nun gezeigt hat. Umso wichtiger wird also das Thema Qualifizierung und Ausbildung in Deutschland.

Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze ist jedoch im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 50 Prozent gestiegen. Wie kann das sein? Der aktuellen Bilanz der Bundesagentur für Arbeit zufolge liegt dies unter anderem daran, dass die Wünsche der Bewerber nicht immer mit dem Angebot übereinstimmen. Mit anderen Worten: Viele Bewerber wollen nur ihren Lieblingsberuf in ihrer Lieblingsstadt oder gar nichts. Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung.

Unternehmen sind zertifikatsgläubig. Sie beurteilen die Bewerber vor allem nach ihrem Schulabschluss: Je höher, desto besser. Jugendliche, die auf der Hauptschule waren, oder gar keinen Schulabschluss vorweisen können, gelten von vornherein als schlecht qualifiziert und unmotiviert.

Sozialer Aufstieg - in Deutschland schwierig

Das mag zunächst rational erscheinen, erweist sich jedoch oft als unhaltbares Vorurteil: Unternehmen, die bereits eigene Erfahrungen mit solchen Jugendlichen gemacht haben, beurteilen sie deutlich positiver. Dies ergab unlängst eine repräsentative Umfrage unter deutschen Unternehmen, die das Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums gemacht hat. Daraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Eine gute und eine schlechte.

Zuerst die Schlechte: Die Unternehmen tragen dazu bei, dass der gesellschaftliche Aufstieg in Deutschland so schwierig ist. In kaum einem anderen industrialisierten Land sind die Chancen so ungleich verteilt, wie in der Bundesrepublik. Wer aus einer bestimmten sozialen Klasse kommt, schafft es nur sehr selten in die nächsthöhere. Diese soziale Schichtung wird nur weiter zementiert, wenn Unternehmen ihre Personalentscheidungen von so starren Vorüberzeugungen leiten lassen. Doch nun die gute Nachricht.

Die Umfrage zeigt aber auch, dass offizielle Standeszertifikate, wie beispielsweise die Höhe des Schulabschlusses, eben keine hinreichende Aussage darüber abgeben, wie leistungsfähig ein Mensch eigentlich ist. Und wenn es jemanden gibt, der flexibel genug ist, um sich von starren Auswahlkriterien zu lösen, dann sollte es die Wirtschaft sein.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Konzerne, gebt Hauptschülern eine Chance!
  2. Wie Unternehmen sozialen Aufstieg unterstützen können
Leser empfehlen