Rütten: Ich musste mal für einen Kunden aus der Industrie ein Seminar zum Thema Gussgratentfernungsmaschinen ins Spanische dolmetschen. Ich bin eine Stunde eher zum Kunden gefahren, um mir diese Geräte selbst anzuschauen und mich einzuarbeiten. Bei der EU besteht die Herausforderung aber besonders im schnellen Themenwechsel: Da kann es innerhalb einer Stunde sowohl um Genmais als auch um Todesstatistiken oder die artgerechte Haltung von Legehennen gehen. Da muss man blitzschnell umschalten.

Bild vergrößern

Silvio Berlusconi mit Dolmetscher-Headset im EU-Parlament: Im Jahr 2004 schlug er den deutschen Parlamentarier Schulz für eine Komparsen-Rolle in einem Nazi-Film vor. (© Foto: dpa)

Anzeige

sueddeutsche.de: Wie schaffen es Dolmetscher, gleichzeitig in der einen Sprache zu reden - und in einer ganz anderen zuzuhören? Die meisten Menschen wären ja schon damit überfordert, wenn sich das ganze in nur einer Sprache abspielte.

Rütten: Da streiten sich auch Wissenschaftler, wie das funktioniert. Ich vergleiche die Situation aber gern mit der Schule: Da haben wir auch mit Freunden geschwätzt und mit dem anderen Ohr dem Lehrer zugehört. Wem das früher gut gelang, der ist für den Beruf nicht völlig ungeeignet.

sueddeutsche.de: Angenommen, Sie dolmetschen eine hitzige Debatte: Übernehmen Sie auch den Tonfall des Redners, oder entschärfen Sie schon mal einen schnippischen Kommentar?

Rütten: Ich schlüpfe als Dolmetscherin in die Haut des Vortragenden, also übernehme ich automatisch auch seinen Tonfall. Und im Prinzip entschärfen wir nichts, auch keine Beleidigungen. Man denke nur an die Berlusconi-Bemerkung, in der er den deutschen Abgeordneten Schulz als Komparse in einem Nazi-Film vorschlug: Der Dolmetscher muss in einem solchen Moment natürlich schlucken, denn ihm ist klar, was das bedeutet. Aber der Angesprochene hat ein Recht darauf zu erfahren, was ihm da gesagt wurde.

sueddeutsche.de: Das heißt, sie dolmetschen immer wörtlich?

Rütten: Nein, nicht immer. Ich frage mich bei der Arbeit grundsätzlich: Was könnte der Redner meinen? Spricht etwa ein Deutscher über Engländer, meint aber Schotten, kann es durchaus vorkommen, dass ich das richtigstelle - vorausgesetzt, der Deutsche gebraucht den falschen Begriff aus Unwissenheit. Will er den Schotten damit aber ärgern, rede ich natürlich auch vom Engländer. Man muss ein feines Ohr für Zwischentöne haben.

sueddeutsche.de: Wie verfahren Sie bei Witzen oder Redensarten?

Rütten: Witze sind sehr schwer zu übersetzen, denn sie funktionieren oft nur in einer Sprache. In der Übersetzung geht oft der Humor verloren. Redensarten sind schon einfacher, haben aber auch ihre Tücken. Wenn beispielsweise ein Spanier oder Lateinamerikaner sagt "pastelero a tus pasteles", bedeutet das wörtlich: "Konditor, geh zu deinen Kuchen." Das kann man wunderbar mit "Schuster, bleib bei deinen Leisten" wiedergeben. Wenn dann aber der deutsche Vertreter dieses Bild aufgreift und von Schustern oder Leisten redet, wundert sich der spanischsprachige Vertreter, wie plötzlich der Schuster ins Spiel kommt. Dann muss man diesen sprachlichen Unterschied auf- beziehungsweise erklären. Manchmal bleibt einem dann doch nichts anderes übrig, als die Redensart wörtlich zu dolmetschen und ein "wie wir im Spanischen sagen" anzufügen.

sueddeutsche.de: Ist Ihnen schon mal ein Übersetzungsfehler unterlaufen, der zu größeren Missverständnissen geführt hat?

Rütten: Natürlich passieren auch uns Dolmetschern im Eifer des Gefechts Versprecher, wie etwa "den Bock zum Mörder machen". Ernste Kommunikationsunfälle sind aber glücklicherweise bisher ausgeblieben.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. "Ein gesundes Halbwissen über fast alles"
  2. Sie lesen jetzt "Wer in der Schule geschwätzt hat, ist für den Beruf nicht völlig ungeeignet"
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/mri/gal/cmat)