"Es reicht!" von Alice Schwarzer Barbie war immer schon vorher da

Das neue Buch von Alice Schwarzer beschäftigt sich laut Titel mit Sexismus im Beruf. Doch dann kommt alles Mögliche zur Sprache: vom weiblichen Körperbewusstsein bis zum #aufschrei, vom Fall Dominique Strauss-Kahn bis zur Frauenquote. Es hängt ja auch alles mit allem zusammen.

Von Barbara Vorsamer

Vermutlich ist es Zufall, dass das von Alice Schwarzer herausgegebene Buch "Es reicht!" zum Thema Sexismus im Beruf an dem Tag erscheint, an dem im Bundestag über die Frauenquote abgestimmt - und der Antrag abgelehnt - wird. Quote und #Aufschrei, das waren zwei große Aufreger in den vergangenen Monaten, und nicht wenige Autorinnen sahen da einen Zusammenhang. Wenn es mehr Frauen in Führungsetagen gäbe, so eine beliebte Argumentation, wäre eine Atmosphäre, in der Sexismus herrscht, bald Geschichte.

Diese These vertritt auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. "Weg mit den Monokulturen in den Chefetagen!", schreibt sie kämpferisch in einem Kapitel der Aufsatzsammlung und führt aus:

"Wir brauchen Unternehmen, die 'divers' sind. Unternehmen, in denen Frauen bis in die Spitze hinein ganz selbstverständlich auf allen Führungsebenen vertreten sind."

Trotzdem stimmte von der Leyen am Donnerstag im Bundestag gegen die Quote in Aufsichtsräten. Fraktionsdisziplin nennt man das.

Neben der Ministerin und Alice Schwarzer kommen in dem Buch nun mehrere Redakteurinnen der feministischen Zeitschrift Emma, #aufschrei-Initiatorin Anne Wicorek und eine Professorin für Philosophie zu Wort und nähern sich dem Thema Sexismus teils direkt, teils über Umwege. So gibt es Kapitel zur Situation von Frauen bei Polizei und Militär, ein Zimmermädchen berichtet aus dem Alltag mit übergriffigen Gästen, und der Fall Dominique Strauss-Kahn wird aufgerollt.

Keine Angst, lieber Mann

Die Frau als machtloses Opfer kommt nicht vor. Die weiblichen Opfer, die erscheinen, kämpfen. Die Frauen, die keine Opfer sind, kämpfen auch, und außerdem wird die kritische Frage nach der eigenen Verantwortung gestellt - ohne dass daraus ein plumpes "Das Opfer ist selbst schuld." wird. So konstatiert Autorin Alexandra Eul im lesenswertesten Kapitel des Buches:

"Frauen von heute sind so gleichberechtigt, sie haben es gar nicht mehr nötig, auf sexy Kleidung zu verzichten."

Oder sie glauben es zumindest. Eul ist der Meinung, dass Kleidung immer eine Botschaft transportiert und Frauen sich sehr wohl fragen sollten, welche Botschaft sie mit Miniröcken und High Heels senden wollen - und an wen. Diese hier vielleicht?

"Lieber Mann, ich bin vielleicht in einigem ein bisschen tüchtiger als du, aber keine Angst, im Ernstfall stecke ich zurück. Begehrt zu werden, ist wichtiger, als Karriere zu machen."

Nicht die Botschaft? Was soll dann dieses Streben nach Attraktivität, das bei den vielen Frauen so viel stärker ausgeprägt ist als bei Männern? Dazu schreibt die Autorin:

"Die Sache fängt früher an. Viel früher. Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr an die Zeit zurückerinnern, in der mein Aussehen im Allgemeinen und mein Körper im Speziellen keine Rolle gespielt hätten. Geschweige denn an eine Lebensphase, in der ich mal Zeit hatte, selbst herauszufinden, was "schön", "sexy" oder von mir aus auch "weiblich" sein überhaupt bedeutet. Barbie war immer schon vorher da."

Und damit sind wir ganz am Anfang, wo es darum geht, welches Frauenbild, welches Körpergefühl, welches Selbstbewusstsein Müttern ihren Töchtern mitgeben. Diese sehr grundsätzliche Frage lässt der schmale Band offen.

Stattdessen zurück zum eigentlichen Thema, dem Sexismus im Beruf. Der Leser lernt, dass sexuelle Belästigung im Beruf seit 1994 geahndet wird. Seit 2006 gibt es das Allgemeine Gleichstellungsgesetz, das Benachteiligung unter anderem wegen des Geschlechts unter Strafe stellt. Trotzdem ist Seximus im Beruf, wie zuletzt die #aufschrei-Kampagne gezeigt hat, noch immer ein Thema.

Unser Blick auf die Welt ist männlich

Auf die Frage, warum der Stern-Artikel "Herrenwitz" von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle eine so gewaltige Resonanz ausgelöst hat, weiß Philosophieprofessorin Petra Gehring eine interessante Antwort. Das Besondere an dem Artikel sei, dass die Perspektive ausnahmsweise mal eine weibliche sei. Zwar sind weibliche Autorinnen sind nicht so selten - doch dass sie wie Himmelreich die dezidiert weibliche Sichtweise beschreiben, sich damit zur Beobachterin machen und den Mann zum Objekt, ist selten. Das irritiert.

"Die Öffentlichtkeit selbst (...) ist nicht mehr in einem selbstverständlichen Sinne männlich, worauf Männer sich ja zumeist verlassen und verlassen können."

Und damit wären wieder am Anfang. Wenn wir mehr verschiedene Blickwinkel haben wollen, helfen möglichst gemischte Teams und möglichst gemischte Chefetagen - in den Medien und überall sonst.