Die Berliner Professorin Hilde von Balluseck will den Beruf durch bessere Ausbildung aufwerten.
Wer Erzieher oder Erzieherin werden will, muss in Deutschland die Mittlere Reife machen und dann drei Jahre lang eine Fachschule besuchen. Nun startet an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin der erste Bachelor-Studiengang "Erziehung und Bildung im Kindesalter". Jeannette Goddar sprach mit der Initiatorin der bundesweit einzigen Hochschulausbildung für Erzieher, Professor Hilde von Balluseck.
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SZ: Warum wollen Sie die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern an die Hochschule verlagern?
Balluseck: Wir sind EU-weit in einer Außenseiterposition. Überall werden Erzieher an Universitäten ausgebildet - nur in Deutschland und in Österreich nicht. Jede deutsche Erzieherin, die nach Frankreich oder England umzieht, kann dort nur als Erzieher-Assistentin beschäftigt werden. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Er macht deutlich, wie wenig bei uns im internationalen Vergleich die Arbeit mit kleinen Kindern wert ist.
SZ: Woran liegt das?
Balluseck: Wir betrachten Erzieherinnen immer noch vor allem als Betreuerinnen, aber nicht als Lehrende. Theoretisch haben Kindertageseinrichtungen auch in Deutschland drei zentrale Aufgaben: Betreuung, Bildung und Erziehung. In der Praxis wird der Bildungsauftrag aber vernachlässigt. Ein signifikantes Licht auf die deutsche Sicht wirft übrigens schon die Trennung der Begriffe: Im Englischen macht das Wort "education" keinen Unterschied zwischen Bildung und Erziehung.
SZ: Was steht auf dem Lehrplan des Erzieher-Studiengangs?
Balluseck: Die Studierenden bekommen ein fundiertes Grundwissen über die kognitive und körperliche Entwicklung von null- bis 13-jährigen Kindern, über Sprachförderung und Sprachentwicklung. Sie lernen etwas über Sprech- und Leseförderung in multiethnischen Gruppen, aber auch über Naturwissenschaften, Mathematik, Kunst und Musik. Ein zweiter Schwerpunkt sind die pädagogischen Methoden. Die Studierenden werden auch mit Themen wie Konfliktmediation, Integration und Elternarbeit vertraut gemacht. Der dritte Schwerpunkt sind die Qualifikationen, die man heute für die Leitung einer Kindertageseinrichtung braucht.
SZ: Leseförderung, Mathe, Naturwissenschaften - so mancher fürchtet, die Kleinen würden künftig schon im Kindergarten mit Bildung überfrachtet.
Balluseck: Es geht gerade nicht darum, Kinder zu überfordern - sondern darum, ihnen gerecht zu werden. Kinder sind enorm wissbegierig und haben hunderttausend Fragen an die Welt: Warum ist der Himmel blau? Warum kann ein Flugzeug fliegen? Wer ihnen darauf antworten kann, befriedigt nicht nur ihre Neugier, sondern leistet Bildungsarbeit in einem äußerst kindgerechten Sinne.
SZ: Wenn die Erzieherin von morgen eine Akademikerin ist, schließen Sie alle Nicht-Abiturienten aus.
Balluseck: Die werden bereits jetzt ausgeschlossen! In Berlin, aber auch in anderen Bundesländern, ist das Abitur inzwischen Voraussetzung für die Zulassung zur Fachschule. Ich finde das übrigens falsch. Nach meiner Vorstellung gäbe es ein zweistufiges Modell.
SZ: Wie sähe das aus?
Balluseck: Einerseits würden Erzieher an Fachhochschulen und Universitäten ausgebildet. Daneben würde an den Fachschulen eine Ausbildung zur Erzieher-Assistentin angeboten, die sich auch an Realschulabsolventen richtet. Das ist schon deshalb wichtig, um Migranten den Zugang zu ermöglichen. Für viele junge Frauen nichtdeutscher Herkunft ist Erzieherin ein attraktiver Beruf. Als Mittlerinnen zu ihren Communities werden sie außerdem dringend benötigt.
SZ: Vom ersten Antrag bis zur Genehmigung des Berliner Studiengangs vergingen fast fünf Jahre. Warum hat es so lange gedauert?
Balluseck: Das hatte nicht zuletzt tarifrechtliche Gründe. Vor allem die Länder befürchten ganz stark, dass Erzieherinnen zu teuer werden, wenn sie eine akademische Ausbildung haben.
SZ: Immerhin liegt das Einstiegsgehalt für Erzieher etwa ein Drittel unter dem für Grundschullehrer.
Balluseck: Man wird sich entscheiden müssen. Will man Einrichtungen, in denen Kinder nicht nur aufbewahrt werden, braucht man ausgebildetes Personal, das entsprechend bezahlt werden muss. Für Alarmismus gibt es im übrigen vorerst keinen Anlass: Wir bilden jedes Jahr 40 Erzieher aus, die werden das Tarifrecht nicht erschüttern. Ich hoffe aber, dass es uns gelingt, auch darüber hinaus zur Aufwertung des Berufsbildes beizutragen - nicht nur finanziell.
SZ: Was heißt das?
Balluseck: Wir hoffen sehr, dass die an Bildung beteiligten Institutionen, also Kindergärten, Horte, Schulen, Jugendhilfe, in Zukunft viel stärker vernetzt arbeiten. Im Moment haben Erzieher bei jeder Begegnung mit anderen Berufsgruppen einen schweren Stand. Wann immer sie auf Lehrer oder Psychologen treffen, werden sie auf das schlechte Ansehen ihres Berufsstands gestoßen. Auf gleicher Augenhöhe wird nur selten mit ihnen diskutiert.
(SZ vom 16.3.2004)