68er-Revolte "Der NS-Muff ist vertrieben"

Vor 40 Jahren trug Detlev Albers das Banner "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren". Mit sueddeutsche.de sprach der Jura-Professor über die 68er, Studentenproteste und die aktuellen Probleme an den Unis.

Interview: Dörthe Nath

Am 9. November 1967 sprangen die beiden Jurastudenten Detlev Albers und Gert H. Behlmer mit einem Transparent vor die einziehenden Professoren, das eine Art Motto der 68er werden sollte. "Unter den Talaren - der Muff von 1000 Jahren" hatten sie mit Klebestreifen auf das schwarze Stoffstück geschrieben. Zunächst unsichtbar für die ins Auditorium Maximum der Hamburger Universität einziehenden Talarträger, umso sichtbarer für die Kameras. Detlev Albers (63) ist heute Professor für Politologie an der Universität Bremen und Mitglied der Grundwertekommission der SPD. Er war bis 2004 Bremer SPD-Landesvorsitzender und bis 2007 Mitglied im Bundesparteivorstand.

sueddeutsche.de: Herr Albers, auf dem Foto sehen Sie nicht wie ein wilder Revolutionär aus, eher ein wenig nach Lieblingsschwiegersohn - wie kam das?

Detlev Albers: Das hing mit meiner Rolle als Asta-Vorsitzender zusammen. Man begegnete den Rektoren, die in ihrer feierlichsten Amtstracht einzogen, in Ausgehgarderobe. Das war die jährlich wiederholte feierliche Übergabe des Rektorenamtes an den Nachfolger. Unser Anzug war an jenem Tag Teil der Tarnung.

sueddeutsche.de: Was hatte sich seit der vorangegangenen Rektoratsübergabe verändert?

Albers: Wir befanden uns Monate nach dem Schah-Besuch und dem tragischen Tod von Benno Ohnesorg [2. Juni 1967, d. Red.] in einer aufgeladenen Situation. Der Ruf nach Reformen, nach Demokratie in den Universitäten wurde immer lauter.

sueddeutsche.de: Warum rückte denn die Universität in den Fokus der Proteste?

Albers: Das war unsere Antwort auf die immer unerträglicher empfundenen Studienbedingungen. Daraus leitete sich die Mitbestimmungsforderung ab. Wir wollten anständig arbeiten können. Ein Impuls, der schon Jahre vor 1967/68 begann.

sueddeutsche.de: Ihre Parole ist eine Art Leitspruch der Studentenbewegung geworden. Hatten Sie so ein Echo erwartet, als sie im Audimax auftraten?

Albers: Wir wussten, dass wir provozierten. Das wollten wir. Aber dass es einen derart frenetischen Beifall gab, als wir allein auf die Bühne schritten - die Professoren hatten ganz schnell die Frechheit des Spruchs erkannt - das gab uns einen Vorgeschmack darauf, dass unsere Aktion ein Funke für die Studentenbewegung in Hamburg sein könnte. Das sie dann weit darüber hinaus als Fanal verstanden wurde, das hatten wir noch nicht im Kopf.

sueddeutsche.de: Was war in ihrem Kopf - wie haben sie sich in der Situation gefühlt?

Albers: Als Vorhut einer überfälligen und notwendigen Veränderung der Universität.

sueddeutsche.de: Und woher kam der Spruch?

Albers: Die Parole geisterte auf dem Uni-Campus herum und war an Bauzäunen zu lesen - wir haben den Knittelreim nicht erfunden.

sueddeutsche.de: Was steckte dahinter?

Albers: Wir wollten einer Art bewusster Erinnerungskultur auf die Beine helfen; die dunklen Seiten der Geschichte aufdecken, auch in Form von Selbstkritik an den Zuständen in der Universität. Was war denn vor 1967 an Aufarbeitung der faschistisch-nationalsozialistischen Jahre geschehen? Wir hatten Professoren, die ihre Arbeiten aus den dreißiger, vierziger Jahren in Giftschränken versteckten und berühmte jüdische Professoren aus der Weimarer Zeit, wie der Sprachphilosoph Ernst Cassirer, waren uns völlig unbekannt. Dieses Aufarbeiten der Geschichte gerade da, wo es schmerzt, das war der Funke, der dann über Hamburg hinaus in der ganzen Bundesrepublik verstanden wurde.

sueddeutsche.de: Würden Sie sagen, dass Ihre Forderungen erfüllt wurden?

Albers: Der NS-Muff ist nachhaltig vertrieben. Heute finde ich stattdessen im Auditorium Maximum eine große Erinnerungsplatte, die an Widerstandskämpfer erinnert. Wir haben diese im Schatten liegenden Teile unserer jüngsten Vergangenheit ein großes Stück aufgearbeitet. Darin liegt ein unentbehrliches Moment der Reife unserer Demokratie.

sueddeutsche.de: Und wie blicken Sie auf Ihr eigenes Verhalten zurück?