Entspannung am Arbeitsplatz Jetzt wird auch noch die Mittagspause "optimiert"

Pausenangebote wie Yoga, Wellness und Meditation sollen Körper, Geist und Seele der Mitarbeiter guttun - und dem Unternehmen.

(Foto: imago/Westend61)

Wellness, Yoga, Mittagsdisco: Immer mehr Firmen wollen ihre Mitarbeiter maximal entspannen. Wem nützt das?

Von Sophie Burfeind

Stellen Sie sich mal vor, in einem Text würde kein Punkt mehr vorkommen. Es wäre eine endlose Aneinanderreihung von Wörtern, es wären Sätze, die sich anfühlten, als dürfe man nicht mehr ausatmen, es wäre ein pausenloser Text. Eigentlich ein Wunder, dass wir den Punkt noch nicht abgeschafft haben.

Denn wir sind ja dabei, das Pausemachen zu verlernen. Wer pausenlos arbeitet, steigt schneller auf, gilt als fleißig und ehrgeizig, überarbeitet sein ist gut fürs Renommee. Als Müßiggänger kann man lange auf Anerkennung warten. Allein das Wort! "Müßiggang". Es könnte auch ein Fremdwort sein. In unserer pausenlosen Welt wird Pausenlosigkeit belohnt.

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Zumindest mit Anerkennung und manchmal auch mit Geld. Der Körper bestraft diejenigen, die zu wenig Pause machen - und das sind nicht gerade wenige. Einer Studie der Krankenversicherung Pronova-BKK von 2016 zufolge macht nur jeder vierte Angestellte eine Mittags- oder Erholungspause, 86 Prozent der Befragten sind gestresst. Die Folgen: 34 Millionen Deutsche haben Schlafprobleme, Burnout ist zur Volkskrankheit geworden, die Anzahl von Fehltagen wegen psychischer Erkrankungen so hoch wie noch nie. Laut der Versicherung DAK sind es mehr als dreimal so viele wie noch vor 20 Jahren. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt, dass Unternehmen diese Ausfälle jährlich 9,5 Milliarden Euro kosten.

Die Pause ist zum Problem geworden.

Drei Milliarden Euro für Wellness am Arbeitsplatz

Weil viele Firmenchefs das erkannt haben, investieren sie zunehmend in ausgefallene Pausenangebote. Das können firmeneigene Wellnesscenter, Fitnessstudios, Meditationskurse, Lunchkonzerte, Power-Nap-Kabinen mit Lichttherapie, Mittagsdiscos oder innerbetriebliche Singstunden sein. Meist fällt das in den Bereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagements, mancherorts gibt es auch Feelgoodmanager oder CHOs (Chief of Happiness Officers).

Unternehmen, die sich keine eigenen Entschleunigungstrainer leisten können, haben die Möglichkeit, auf eine Vielzahl von Dienstleistern zurückzugreifen, die die Mitarbeiter massieren, Yoga-Kurse anbieten, oder per Bluttest ihren Stresswert bestimmen. Wenn Sie glauben, Sie seien entspannt - nach so einem Test werden Sie sich umgucken! Es gibt Start-ups, die Apps entwickelt haben, mit denen man das Mittagessen im Restaurant vorbestellen kann, es gibt erste Schlafcafés und neben Slow Food nun auch Slow Watches, die nur noch einen Zeiger haben.

Je pausenloser unsere Gesellschaft wird, desto stärker wächst die Anti-Stress-Industrie. Dem diesjährigen Global Wellness Report zufolge werden weltweit 43 Milliarden Dollar mit Wellness am Arbeitsplatz verdient, Deutschland ist mit drei Milliarden das Land mit den dritthöchsten Ausgaben. Für 2020 wird ein globaler Umsatz von 55 Milliarden Dollar erwartet.

Die Pause ist also auch zum Geschäft geworden.