Entscheidungsfindung Also, ähm, nun ja, vielleicht

Im Berufsleben müssen ständig Entscheidungen getroffen werden.

(Foto: imago/Ikon Images)

Leben und arbeiten bedeutet heute vor allem: sich entscheiden zu müssen. Menschen gehen damit ganz unterschiedlich um - ein Überblick.

Von Angelika Slavik

Vor ein paar Wochen wurde der Volkswagen-Chef Matthias Müller gefragt, warum er angesichts des desaströsen Zustands seines Unternehmens und der immer neuen Schreckensnachrichten eigentlich noch nie beschlossen habe, morgens einfach im Bett zu bleiben. Wieso entscheidet sich jemand jeden Tag aufs Neue, sich diesen Job anzutun? "Sie wissen ja gar nicht, ob ich nicht schon mal liegen geblieben bin", feixte Müller.

20 000 Entscheidungen treffen Menschen täglich, sagen Wissenschaftler. Das beginnt beim Klingeln des Weckers - aufstehen oder noch mal umdrehen? -, viele betreffen Alltäglichkeiten. Manchmal sind es große, vielleicht lebensverändernde Entscheidungen. (Wenn man zusagt, Vorstandschef bei Volkswagen zu werden, zum Beispiel.) Für Führungspersonal gehört Entscheidungsstärke zum Anforderungsprofil, theoretisch zumindest. Die Entscheidungen von Vorgesetzten beeinflussen die Zukunft ihres Unternehmens und damit auch das Leben ihrer Mitarbeiter. Mitunter müssen sie zwischen den Optionen wählen, die ihre Leute ihnen vorlegen. Und die Mitarbeiter? Die entscheiden auch - und sei es nur, dem Chef nicht zu sagen, dass er falsch gewählt hat.

An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser, hat Charlie Chaplin mal gesagt.

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Wenn man die Entwicklung der Welt beleuchtet, zeigt sich, dass die Zahl der Optionen stetig zugenommen hat - egal, ob man bloß ein paar Jahre, ein paar Jahrzehnte oder Jahrtausende zurückblickt. Wir leben heute in einem "Supermarkt der Möglichkeiten", so nennen das die Wissenschaftler des Hamburger Museums für Arbeit, die gerade eine Ausstellung über das Entscheiden zusammengestellt haben. Mit der Zahl der Möglichkeiten steigt allerdings auch die Chance danebenzuliegen.

Bedeutet Entscheiden heute also vor allem, den Zweifel ertragen zu können?

Der Psychologe Gerd Gigerenzer ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er hat schon amerikanische Bundesrichter und deutsche Ärzte trainiert, in unsicheren Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Er glaubt, dass man bereits in der Schule den Umgang mit Unsicherheit stärker thematisieren sollte. Man müsse Kindern spielerisch den Umgang mit Risiken näherbringen, sagt Gigerenzer. Bislang sei das Bildungssystem eher an der "Mathematik der Sicherheit" orientiert - das sei aber unzureichend, weil die Welt heute nur Illusionen von Gewissheit anbiete, aber kaum absolute Sicherheit.

Ein guter Entscheider, sagt Gigerenzer, setze Gefühl und Verstand gleichermaßen ein. Im besten Fall sei eine Führungskraft also mit dem Gegenstand ihrer Entscheidung genau vertraut, verfüge über fundierte Informationen - und verlasse sich dann auf ihre Intuition. "Intuition ist genauso ein Werkzeug wie Nachdenken, nur ein Werkzeug des Unterbewussten", sagt Gigerenzer.