Von Marion Schmidt

Die Uni Bremen punktet mit einem starken Forschungsprofil.

Die Universität Bremen ist gerade einmal 35 Jahre alt und hat schon ihren Ruf verloren. Der Anfang der siebziger Jahre gegründeten Hochschule haftete lange Zeit das Etikett "rote Kaderschmiede" an. Tatsächlich bemühten sich seinerzeit Professoren, Mitarbeiter und Studenten einvernehmlich, Wissenschaft für Arbeitnehmer zu machen - und nicht für das Kapital.

Uni Bremen

"Heute zählt Leistung, nicht Ideologie": die Uni Bremen. (© Foto: Uni Bremen)

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Spricht man Wilfried Müller darauf an, winkt der nur müde ab. "Davon haben wir uns radikal verabschiedet", sagt der jetzige Bremer Rektor: "Heute zählt Leistung, nicht Ideologie." Die Uni hat heute mehr als 21.000 Studierende; sie zeichnet sich durch Interdisziplinarität aus, durch ihre besondere Graduiertenförderung und einen konsequenten Leistungsgedanken.

Der Kurswechsel hat sich für die Bremer gelohnt: Vier Anträge hat die Hochschule in die Endrunde der Exzellenzinitiative gebracht, sie ist als einzige Uni im Norden Kandidat in der prestigeträchtigen dritten Förderlinie "Zukunftskonzepte", in der zehn Hochschulen um den inoffiziellen Titel einer "Elite-Uni" ringen.

Bremen - eine Spitzen-Hochschule mit internationaler Strahlkraft? Manch einer in der Wissenschaftswelt mag sich darüber verwundert die Augen reiben. In Bremen selbst haben sie sich über den Einzug ins Finale natürlich gefreut. Aber wirklich überrascht waren sie nicht. Schließlich wurde die Weser-Metropole schon vor zwei Jahren vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zur "Stadt der Wissenschaft" gekürt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert an der Uni sechs Sonderforschungsbereiche und ein nationales Forschungszentrum zur Erforschung der Ozeanränder. Vor allem die Ingenieurs-, die Geo- und die Naturwissenschaften haben sich zu international beachteten "Leuchttürmen" entwickelt.

Sichtbares Symbol des akademischen Fortschritts ist der 146 Meter hohe Fallturm auf dem Campus, eine europaweit einzigartige Einrichtung, in der das Zentrum für Raumfahrttechnologie Experimente unter Schwerelosigkeit durchführt. Oder das geowissenschaftliche Bohrkernlager, eine von weltweit drei Einrichtungen ihrer Art, in der bei minus vier Grad Tausende Proben vom Meeresboden lagern.

"Ein kleines Stanford"

Gerade die marinen Geowissenschaftler stärken das internationale Ansehen der Bremer Uni. Bei der Exzellenzinitiative haben die Forscher zwei Anträge erfolgreich eingereicht, einen für eine neue Graduiertenschule ("Global Change in the Marine Realm") und einen zur Aufstockung ihres Forschungszentrums zu einem neuen Schwerpunkt für hydrothermale Systeme.

"Wissenschaftler haben ja immer Ideen und kein Geld", sagt der Meeresgeologe Dierk Hebbeln, der an beiden Anträgen mitgeschrieben hat: "Mit der Förderung hätten wir Geld, auch einmal etwas Neues zu wagen." Zum Beispiel Expeditionen zu schwarzen Gasfeldern im Atlantik.

Neues wagen will auch Rektor Müller, sollte der Geldsegen seinen Haushalt aufbessern: Die Graduiertenförderung will er ausbauen und ein Institut gründen, in dem Wissenschaftler unkonventionelle Themen erforschen können, ohne sich um Drittmittel, Lehre oder Verwaltung zu kümmern. "¸Ein kleines Stanford" schwebt dem Bremer vor. Das klingt beschwingt, und in der Tat, ein wenig stolz sind die Bremer schon, dass sie nun Gelegenheit haben, "der Welt zu zeigen, was wir hingekriegt haben", so Müller.

Denn das Land Bremen ist arm und hat nicht viel Geld zu verteilen. Umso mehr schauen sie an der Uni, wie sie die schrumpfenden Landesmittel am besten einsetzen können und wer sich besonders um Drittmittel bemüht. Rektor Müller setzt dabei auf klare Schwerpunkte. "Wir stärken unsere Stärken; wer erfolgreich ist, der kriegt was oben drauf", sagt er. "Die Gießkanne hat in Bremen ausgedient." Mit dieser Strategie schaffte die Hochschule den Wandel von der einst mittelmäßigen Reformuni zu einer der besten Forschungs-Universitäten in Deutschland.

Bei aller Leistung hat sich Bremen aber auch ein gewisses soziales Bewusstsein bewahrt. Die Uni-Mitarbeiter loben die lockere Atmosphäre, das menschliche Miteinander und den kurzen Draht zur Hochschulleitung. Nur die organisierte Studentenschaft mag sich offensichtlich nicht vom Mythos der "roten Kaderschmiede" verabschieden. Über den Erfolg im Elite-Wettbewerb freut sich der AStA kein Stück. Im Gegenteil, enttäuscht wettern die Studentenvertreter gegen die Uni als "verlässlichen Stützpfeiler des kapitalistischen Konkurrenzprinzips" und sehen sich daher "nicht in der Lage, zu gratulieren". Rektor Müller stört das nicht.

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(SZ vom 8.5.2006)