Weniger Lohn für die gleiche Arbeit - warum weibliche Arbeitskraft noch immer billiger ist.
Diese Ungerechtigkeit wollte die Anwältin sich nicht bieten lassen. Nachdem die Angestellte eines multinationalen Unternehmens mit Sitz in Lausanne erfahren hatte, dass sie 27Prozent weniger verdiente als ihr männlicher Vorgänger, verklagte sie ihre Chefs. Jetzt sprach das Schweizer Bundesgericht ihr 200000 Franken Schadenersatz zu.
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Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - der Grundsatz, der nicht nur in der Schweizer Verfassung, sondern bereits seit 1957 in den Europäischen Verträgen festgeschrieben ist, gilt oft nur auf dem Papier. Erst vor wenigen Tagen bestätigte das Statistische Bundesamt einmal wieder, dass Frauen in Deutschland etwa 30 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen: Arbeiterinnen im produzierenden Gewerbe erhalten mit einem durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst von 1885 Euro 26 Prozent weniger; bei Angestellten beträgt die Differenz sogar 30 Prozent.
Dass Frauen häufiger Teilzeit arbeiten, spielte in dieser Erhebung keine Rolle; sie bezieht sich nur auf Vollerwerbstätige. Frauen verdienen weniger, weil sie - trotz gleicher Qualifikation - häufiger in niedrigere Lohngruppen eingestuft werden. Das wiederum erklärt sich dadurch, dass Frauen sich bei der Berufswahl weniger als Männer von den späteren Verdienstmöglichkeiten beeinflussen lassen und eher bereit sind, schlechter bezahlte Jobs anzunehmen. Sie arbeiten auch häufiger in Kleinbetrieben und in schlecht bezahlten Wirtschaftszweigen.
Tief verwurzelte Vorurteile
Die Gewerkschaften monieren aber auch Ungerechtigkeiten in den Tarifverträgen. So würden bei typisch männlichen Berufen Argumente für höhere Entgelte genau aufgeführt, während man dies bei "Frauenberufen" vernachlässige, heißt es bei der IG Metall. Beim Lagerarbeiter etwa wirken sich Gewissenhaftigkeit und Belastung auf den Lohn aus, während für die Bezahlung einer Schreibkraft nur die Berufsausbildung bewertet wird. Den Nachteil haben Frauen übrigens nicht nur während ihres Arbeitslebens, sondern auch im Alter, weil ihre Renten niedriger ausfallen.
Im europäischen Vergleich steht Deutschland schlecht da. Verglichen mit den Industrienationen Westeuropas ist der Verdienstabstand hierzulande besonders groß - in Frankreich etwa beträgt er nur zehn Prozent. Und er hat sich in den letzten 25 Jahren kaum verringert. Um knapp drei Prozent ist der Unterschied geschrumpft. Bei dieser Geschwindigkeit wird es schätzungsweise noch 200 Jahre dauern, bis Frauen und Männer tatsächlich gleich bezahlt werden.
Über Strategien, wie man das Ziel "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" schneller erreichen kann, streiten Experten heftig. Eine Möglichkeit besteht darin, dass - wie in den USA praktiziert - Unternehmen größere öffentliche Aufträge nur dann erhalten, wenn sie Frauen gezielt fördern. Diese seit 30 Jahren praktizierte affirmative action ist zwar auch nicht unumstritten, doch in den Vereinigten Staaten ist der Anteil weiblicher Manager seitdem um 50 Prozent gestiegen. In Deutschland, wo die Kinderbetreuung im internationalen Vergleich schlecht ausgebaut ist, könnten sich auch mehr Krippenplätze und Ganztagsschulen positiv auf die Berufs- und Einkommenssituation von Frauen auswirken.
Schwieriger wird es sein, tief verwurzelte Vorurteile auszuräumen. Die gegenwärtige Beförderungspolitik bevorzuge Männer, sagte Yves Flückinger in einem Interview der Neuen Zürcher Zeitung. Flückinger ist Volkswirt an der Universität Genf und hat eine Bewertungsmethode zum Nachweis von Lohndiskriminierung entwickelt. Ein verheirateter Mann stehe für Stabilität und werde deshalb gerne eingestellt, sagte Flückinger. Eine verheiratete Frau dagegen habe wegen einer möglichen Schwangerschaft weit weniger Chancen, selbst wenn sie die besten Qualifikationen mitbringt.
(SZ vom 8.3.2004)
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