Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Im Kita-Streit haben die Gewerkschaften dank einer unredlichen Strategie die Oberhand behalten.

Normalerweise ist es relativ einfach, nach Tarifverhandlungen zu sagen, wer eher gewonnen und wer eher verloren hat. Gewerkschaften fordern eine Lohnerhöhung um einen bestimmten Prozentsatz, die Arbeitgeber lehnen dies als völlig überzogen ab, irgendwo in der Mitte treffen beide Seiten sich dann.

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Nach vielen Monaten ist im Kita-Streit endlich eine Einigung erzielt worden. (© Foto: ap)

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Nun ist nach sechs Monaten der Tarifkonflikt im Sozial- und Erziehungsdienst doch noch zu Ende gegangen - und wer hat gewonnen? Kurzfristig: die Eltern, die bei der Betreuung ihrer Kinder nicht länger improvisieren müssen. Langfristig: wahrscheinlich die Gewerkschaften.

Der letzte Versuch

Offensichtlich ist, warum es am Montag diese Einigung gegeben hat. Die fünftägige Verhandlungsrunde war der wirklich letzte Versuch, diesen Konflikt noch während der Sommerferien zu lösen - bevor die Gewerkschaften Verdi und GEW Ende August wieder zu Streiks in großem Umfang aufgerufen hätten. Diese Eskalation wollten aber sowohl die beiden Gewerkschaften als auch die Arbeitgeber, die Kommunen, vermeiden. Ende August ist Bundestagswahlkampf; die Gewerkschaften mussten befürchten, dort mit ihrem Erzieher-Thema nicht mehr wahrgenommen zu werden und mit ihrem Arbeitskampf ins Leere zu laufen.

Aber auch für die Städte und Gemeinden wäre ein Arbeitskampf zu der Zeit unkalkulierbar gewesen. Die Kommunalpolitiker wären womöglich unter den Druck der Wahlkämpfer geraten - ganz abgesehen davon, dass ein Tarifabschluss für Arbeitgeber tendenziell umso teurer wird, je länger die Auseinandersetzung dauert. Gewerkschafter wollen schließlich nicht umsonst gekämpft haben.

Es ging ums Geld

Offensichtlich ist aber noch etwas anderes: Dass es in diesem Konflikt natürlich nur um Geld ging, wie immer, und nicht um so eine edle Sache wie den Gesundheitsschutz der Beschäftigten. Verdi und die GEW haben ja über Monate hinweg so getan, als wären Lärmschutzwände in den Kitas und rückenschonende Stühle für die Erzieherinnen ihr Kernanliegen. Vereinbart wurde aber nicht die Anschaffung von Stühlen - wie auch? -, vereinbart wurde ein Gebilde namens "betrieblicher Gesundheitszirkel". Für so etwas haben die Gewerkschaften monatelang gestreikt? Das glaubt ja wohl niemand.

Die Sache mit dem Gesundheitsschutz war ein Kniff; kein redlicher, aber ein erfolgreicher. Weil es dazu bisher keinen Tarifvertrag gab, durften Verdi und GEW für diesen Zweck zum Streik aufrufen. Das Ziel des Streiks war aber, außerhalb einer normalen Lohnrunde mehr Geld für Erzieher, Sozialarbeiter oder Heilpädagogen herauszuschlagen - indem man den Arbeitgebern eine neue Einkommenstabelle, mit höheren Sätzen als bisher, für diese Berufsgruppen abringt. Dass diese Strategie erfolgreich war, werden sich nicht nur Verdi und die GEW, sondern auch andere Gewerkschaften merken. Geld kann man nie genug wollen. Gut möglich, dass dieser Konflikt noch die Kultur der Tarifverhandlungen in diesem Land verändern wird.

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(SZ vom 28.7.2009/bön/vw)