Dresscode im Job "Nur kein Fleisch zeigen"

Klar, wer Karriere machen will, braucht das zur Branche passende Outfit. Doch warum dürfen Frauen in Deutschland keine weiblichen Signale senden? Und warum wirkt der eine im Anzug wie ein Vertreter und der andere wie ein Vorstandsmitglied? Modeforscherin Barbara Vinken sagt, worauf es beim Business-Outfit ankommt.

Interview: Jutta Göricke

Dass ein Banker im Hawaiihemd undenkbar, ist, weiß jeder. Auch dass ein Kreativer durchaus in der Trainingsjacke im Büro auflaufen darf. Komplizierter wird es bei der Frage, warum der eine Anzugträger Kompetenz und Führungswillen ausstrahlt und der andere nicht. Liegt es am rahmengenähten Schuh aus der Londoner Jermyn Street, am besonders dezenten Krawattenmuster oder einfach daran, welcher Mensch im Anzug steckt? Barbara Vinken, Literaturprofessorin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, forscht über das Thema Mode und kennt Antworten.

Anzug tragen kann man lernen: Das Business-Outfit bildet den Hintergrund, vor dem das Gesicht des Trägers wirken kann.

(Foto: AP)

SZ: Welche Rolle spielt Kleidung in der Arbeitskultur?

Vinken: Zweifellos eine große. Im Moment sind wir dabei, wieder auf eine konservativere Arbeitskleidung zuzusteuern. Wenn Sie an die siebziger Jahre denken: Professoren trugen damals ganz existenzialistisch schwarze Rollkragenpullover. Das ist heute vorbei.

SZ: Ist die moderne Business-Kleidung eine Art Uniform?

Vinken: Sie ist uniformiert. Der Anzug als Uniform ist praktisch und zurückhaltend. Er lässt das Individuum im Kollektiv aufgehen. Wenn Sie in Frankfurt im Bankenviertel unterwegs sind, sehen sie nur schwarz-weiß. Wobei diese Uniformierung bei Männern noch viel stärker ausgeprägt ist als bei Frauen. Denn der Schnitt des weiblichen Anzugs ist wenigstens subtil erotisiert.

SZ: War es schon immer so schwierig, das richtige Outfit für den Job zu finden? Man denke nur mal an frühere Zeiten und Postbeamte in Uniform.

Vinken: Ich denke, dass es für Männer auch heute noch nicht schwierig ist, wie bei den Postbeamten. Der Dresscode ist ja sehr festgelegt. Es ist keine gute Idee, im pinken Anzug bei der Deutschen Bank aufzulaufen, und jedem ist eigentlich klar, welche Farben möglich sind.

SZ: Wie viel Weiblichkeit darf eine Businessfrau zeigen, ohne dass ihr Gegenüber sie für inkompetent hält?

Vinken: In Deutschland gehen Weiblichkeit und beruflicher Erfolg sehr schwer zusammen. Nur kein Fleisch zeigen, keine weiblichen Signale senden. Ein Rock muss auch nicht sein, eher ein Hosenanzug mit einem androgynen Schnitt. In Frankreich etwa ist das ganz anders. Da tragen Frauen Farbe und viel mehr Röcke im Beruf. Anders als in Deutschland ist dort die Dame für die berufstätige Frau stilprägend geworden.

SZ: Warum sieht Anzugträger A aus wie ein Versicherungsvertreter und Anzugträger B wie ein Consultant - immerhin beide aus der beratenden Zunft?

Vinken: Das ist keine Frage des Preises, sondern des Schnitts. Also eher der Unterschied zwischen Jil Sander und Brioni. Der eine Anzug ist jungenhafter und zerbrechlicher, der andere ist männlich ausgefüllter und viel erdverbundener. Da liegt auf der Hand, wer Aufstiegswillen demonstriert und Anspruch auf eine Führungsposition erhebt und wer das ganze mit einer gewissen Ironie sieht.

SZ: Kann man lernen, sich passend zu kleiden?

Vinken: Ja, das kann man. Bei einem Anzug gibt es ja nicht so viele Variationsmöglichkeiten im Schnitt. Da kommt es auf die Güte des Stoffs an, wie er fällt, ob er knittert, ob er alle Bewegungen mitmacht und sich anschmiegt. Man kann auch lernen, wie die eigene Silhouette in einem Anzug wirkt, wie man darin aussieht und wie man sich darin bewegt.

SZ: Wie hilfreich ist denn ein Anziehberater?

Vinken: Wäre schon sinnvoll, wenn man das will. Solche Leute kennen sich gut aus.

SZ: Und wie wichtig ist die Person, die im Anzug steckt?

Vinken: Der Anzug ist - gerade durch die Uniformisierung der Körper - dazu da, das Individuum in den Vordergrund zu stellen, da er für eine optimale Profilierung des Gesichts sorgt. Er ist der dunkle Hintergrund, aus dem das Gesicht seines Trägers herausleuchtet. Das ist eben der Effekt, den Chanel auch für Frauen mit dem kleinen Schwarzen und ihren Kostümen erreichen wollte.