18 Jahre unter Hochdruck

Anzeige

Wenn Döllinger auf diese Jahre zurückblickt, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Nur manchmal verrät das Wörtchen "man", wie er Distanz zu sich selbst sucht, zu seiner früheren Rolle als Vorgesetzter: "Die Leute, die einem unterstellt sind, isst man auf, konsumiert sie. Sie werden in Bruchteilen von Sekunden abgehakt: als zu dumm, zu lahm, zu schwach. Schublade auf und rein. Wer ein positives Etikett kriegt, wird mit Arbeit zugeballert. Ob der damit klarkommt, ist egal. Es geht nur noch um die Leistung, die dabei herauskommt. Alles Menschliche geht verloren." Beim Blick zurück werden die Sätze kurz und schnell. Fast als nähme Döllinger sein früheres Tempo auf. 18 Jahre unter Hochdruck zu arbeiten, ist eine lange Zeit, die tiefe Spuren hinterlässt.

In lichten Momenten spürt er auch damals, wie verantwortungslos er sich als Manager verhält. "Eigentlich kotzt man sich selber an. Man sollte ja Vorbild sein." Doch diese Augenblicke werden weggedrückt, zu unangenehm sind sie verglichen mit dem, was das Leben auf der Überholspur verspricht. "Als Held macht man ein paar Millionen Umsatz am Tag, hat Sex mit mehreren Frauen, fährt ein schnelles Auto und kippt sich abends einen hinter die Binde."

"Skalpellartige Klarheit im Geist"

Immer öfter putscht er sich daher morgens mit Kokain auf, um auf Touren zu kommen. "Vor jeder Besprechung habe ich mir ein Näschen gezogen, um diese gewisse Euphorie auszustrahlen und Leute zu motivieren, die mir manchmal nicht lagen." Besonders aber fasziniert ihn die "skalpellartige Klarheit im Geist", die ihn schnell, präzise, beinahe genial erscheinen lässt. Und die sowohl seine Kunden als auch Vorgesetzten überzeugt. "Das war schon toll, wie ich mich da verkauft habe", schwärmt er noch heute. Dabei ist sein Talent auch ohne Drogen deutlich spürbar. Immer wieder blitzt der gewinnende Verkäufer in ihm auf, der bereitwillig erzählt und gleichwohl gern ablenkt. Wie um sich zu schützen vor Fragen, die ihm zu nahegehen.

Der Erfolg jedenfalls, der sich beruflich bei Döllinger einstellt, ist trügerisch. Kokain fordert erbarmungslos seinen Tribut. Es macht psychisch abhängig und führt zu massiven Nebenwirkungen wie Antriebslosigkeit, Verfolgungsangst, Depressionen oder Suizidgedanken. Um all das nicht spüren zu müssen, trinkt Döllinger immer mehr Alkohol - ein unheilvoller Kreislauf. Bis er zusammenbricht.

Immer nur Durchhalteparolen

Sucht und psychosomatische Beschwerden gehören für Klaus von Ploetz und sein Team in Bad Herrenalb eng zusammen. "Wir müssen beides gleichzeitig sehen, sonst schlägt die Therapie nur halb so gut an", sagt der Chefarzt. Denn die Symptome sind miteinander verquickt. "Unsere Patienten sehen Alkohol, Kokain oder Tabletten ja als Lösungsversuch, um eine andere Lebensqualität zu erreichen. Wir müssen also genau hinschauen, was mit dem Suchtmittel vermieden werden soll." Deshalb gibt es während des Klinikaufenthalts auch kein Internet, keinen Fernseher, keine Tageszeitungen und keine Bücherausleihe. "Damit wird der Mangel nur zugedeckt."

Döllinger weiß, dass er noch nicht über den Berg ist. Nach der Klinik wird er in eine betreute Wohngemeinschaft ziehen. Wenn es da gut läuft und er trocken bleibt, kann er umschulen. Die alte Branche ist für ihn jedenfalls tabu. Rückblickend meint er: "Es wäre toll gewesen, wenn mir einer meiner Vorgesetzten mal gesagt hätte, dass ich das alles zu verbissen sehe und etwas runterfahren soll. Ist aber nicht geschehen. Im Gegenteil: Es gab immer nur Durchhalteparolen."

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Koks, Frauen, schnelle Autos
  2. Sie lesen jetzt Geld, Autos, Frauen für den Helden
Leser empfehlen 

(SZ vom 14.8.2009/bön)