Super-Lehrer statt Super-Nanny: Preisgekrönte Pädagogen sollen in Schweden an Problemschulen für gute Noten sorgen - und befeuern damit die Schuldebatte im Norden.
Jahrelang ist Ala Muhalaf nicht zum Sportunterricht erschienen. Der Junge hatte keine Lust, und die Lehrer an der Johannesschule im südschwedischen Malmö hatten diesem Unwillen offenbar nichts entgegenzusetzen. Außerdem war Ala in den anderen Fächern ja meist anwesend, er ging nur niemals in die Turnhalle. Erst als Igor Adoris das Kommando übernahm, änderte sich das.
In Schweden sollen Super-Lehrer schlechte Klassen motivieren. (© Foto: ddp)
Anzeige
Igor Adoris ist ein "Superlehrer". Er schaut den Schülern nicht einfach beim Schwänzen zu. Etwa eine Million Schweden verfolgten zwölf Wochen lang jeden Mittwochabend Ala Muhalafs Rückkehr in den Gymnastiksaal. Der Junge war eine der Hauptpersonen in der Sendung "Klasse 9A".
Die Doku-Soap des öffentlich-rechtlichen Kanals SVT löste landesweite Debatten über die Bildungspolitik aus, ein Thema, das derzeit in Schweden ohnehin sehr aktuell ist. Die Idee war so simpel wie umstritten: Für ein Halbjahr sollten acht preisgekrönte Pädagogen aus ganz Schweden die alten Lehrer der 9A ablösen und die Klasse zu einer der besten des Landes trimmen.
Das neunte Jahr ist in Schweden das letzte in der gemeinsamen Grundschule. Die Zeugnisse bestimmen darüber, welche weiterführende Schule besucht werden kann. Die Abschlussklassen der Johannesschule gehörten in den vergangenen Jahren zu den schlechtesten des Landes. Fast die Hälfte der Schüler fiel beim Abschlusstest durch. So akzeptierte die Schulleitung dankbar das Angebot des Fernsehens.
Die sogenannten Superlehrer sollten die 9A zur drittbesten Klasse Schwedens machen. Eine genaue Rangliste gibt es noch nicht. Aber fest steht bereits, dass am Ende 95 Prozent der 9A die Zulassung für eine weiterführende Schule erhielten - eine überdurchschnittlich hohe Quote.
Auch die Einschaltquoten waren sehr gut. SVT hätte sich kaum einen besseren Zeitpunkt für die Sendung aussuchen können, denn Schwedens Schulen befinden sich im Umbruch. Sie stehen im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte, seit die 2006 gewählte bürgerliche Regierung der sozialdemokratischen Bildungspolitik, die jahrzehntelang dominierte, den Kampf angesagt hat.
Schulminister Jan Björklund von der liberalen Volkspartei wetterte schon im Wahlkampf gegen die "Flumskola", frei übersetzt: "Wischi-Waschi-Schule".
Björklund fordert mehr Leistungsdruck und einen "Fokus auf das Wissen". Umfragen zufolge teilen viele Wähler seine Meinung. Selbst die Sozialdemokraten haben begonnen, ihre Politik zu überdenken. Sie hatten Schwedens Schulsystem zu einem der liberalsten der Welt gemacht. Es setzt stark auf Motivation und Freiwilligkeit, erzeugt wenig Druck und hält für die Lehrer kaum Sanktionsmöglichkeiten bereit.
Noten gab es in Schweden bislang erst von der achten Klasse an. Björklunds umstrittenste Reform bestand darin, dass es Noten im kommenden Schuljahr schon in der sechsten Klasse geben wird. Außerdem sollen Lehrer ihre Schüler von der ersten Klasse an schriftlich bewerten. Zuvor war dies den Pädagogen ausdrücklich verboten.
Schwänzer werden Stars
Ähnlich wie in Deutschland hat die Pisa-Studie auch die Schweden zu Reformen angeregt. Besonders in Mathematik und in den Naturwissenschaften schneiden die Jugendlichen aus dem Norden nur mittelmäßig ab. Und ähnlich wie in Deutschland orientiert man sich in Schweden an den Erfolgen der Finnen.
Allerdings nähert man sich dem System des Nachbarlandes sozusagen von der anderen Seite. Den Deutschen gilt Finnland als Beispiel dafür, dass man mit einem liberalen Schulsystem große Erfolge haben kann - ohne Leistungsdruck, Sitzenbleiben und starre Regeln.
Auf Schweden dagegen wirkt die finnische Schule eher streng, unter anderem weil sie die Schüler früher benotet. Schwedens Schulminister Björklund nimmt Finnland gerne als Beleg dafür, dass die Schule ohne Disziplin, Ordnung und Leistung nicht funktioniere. Auch wenn die Ausgangspunkte verschieden sind - in einer Kernfrage ähnelt also die schwedische Debatte der deutschen: Fehlt den Schülern nun Zuckerbrot oder die Peitsche?
Der große Erfolg der Sendung "Klasse 9A" beruht auch darauf, dass sie beiden Lagern Argumente lieferte.
Igor Adoris, der Super-Sportlehrer, sorgte einerseits für mehr Disziplin, als er Ala Muhalafs dauerhaftes Schwänzen nicht mehr länger hinnahm. Andererseits zwang Adoris seinen Schüler nicht in den Gymnastiksaal, sondern überzeugte ihn in langen Gesprächen.
Und es dauerte ein paar Folgen, bis der Teenager weich wurde. Aber dann erschien er schließlich mit seinem Turnbeutel.
Stavros Louca, der Mathelehrer unter den acht Superpädagogen, beschreibt sein Geheimnis so: "Die Schüler müssen mich mögen. Dann mögen sie auch das Fach, das ich mag. Und sie wollen mich nicht traurig machen."
Louca war der Star der Sendung, denn unter seiner Führung rückte die 9A sogar im Sorgenfach Mathe von einer weit abgeschlagenen Position an die nationale Spitze.
Dass dieser Erfolg fast ausschließlich mit Loucas didaktischem Talent zusammenhängt, ist aber auch einer der Hauptkritikpunkte an der Sendung: Die guten Ergebnisse, meinen skeptische Beobachter, lassen sich nicht wiederholen. Es gebe eben nicht genug herausragende Lehrer für alle Klassen.
An der Johannesskolan glaubt man dagegen, dass das Experiment nachhaltig wirkt. Die Schülerin Hanin Assi zeigte sich am Ende sogar beeindruckt von ihren alten Lehrern. Deren Mittelmäßigkeit wurde durch den Vergleich mit den Spitzenpädagogen einem Millionenpublikum vorgeführt. "Aber viele unserer alten Lehrer waren willens, Kritik anzunehmen und sich zu ändern", sagt die Schülerin über die Zeit nach dem Fernseh-Gastspiel. Das sei doch sehr mutig.
(SZ vom 21.7.2008)
DFB-Pleite gegen die Schweiz
Mal ehrlich, welcher Schüler hat schon Lust, sich vor der ganzen Nation als Flachpfeife zu präsentieren? Die Fernsehbegleitung hat doch bestimmt einen so großen Teil ausgemacht, dass eine Beurteilung der Arbeit der Lehrer zu diesem Zeitpunkt kaum möglich sein dürfte. Und zusätzlich war es vielleicht noch ein Extraspaß, die bisherigen Lehrer auflaufen zu lassen.
Die medial hochgejubelte Klasse 9a kommt nicht über das Niveau SOAP hinaus. Den als Maßstab herangezogene Vergleichstest wurde von den übrigen Schulen (im Vorjahr) als zentraler und unbekannter Test durchgeführt, während die Klasse 9a gezielt auf diesen (konkreten) Test vorbereitet wurde. (Gerechtfertigt wurde dieses Vorgehen damit daß die Klasse 9a den Test zum Halbjahr abliefern sollte - nicht zum Schuljahresende).
Das wäre also so als würde in Bayern das Kultusministerium einer Abiturklasse die selben Abituraufgaben wie bei der letztjährigen Prüfung stellen - und es den Lehrern mit Blick auf den Umstand daß das Abitur schon vor Weihnachten geschrieben werden muß es den Lehrer erlauben die konkreten Aufgabestellungen mit den Schülern vorzubereiten. Ich denke bei einem solchen "Versuchsaufbau" würde auch manche Realschulklasse mühelos ein ansehnliches Abitur ablegen.
Wirklich aussagekräftig ist das Ergebnis der 9a somit wirklich nicht!
Postitiv ist die Klasse 9a als "Stachel im Fleisch einer Lehrerschaft" die sich längst selbstzufrieden damit abgefunden hat daß gute pädagogische Leistung ohnehin nicht möglich sei. "Wir sind ja alle prima Lehrer - nur leider sowas von ausgebrannt vom vielen Stress - ist ja auch unzumutbar mit Kindern zu arbeiten - und dann auch noch mit Migrationshintergrund - das kann ja nichts werden..."
Hier hat die Klasse 9a ganz klar gezeigt daß auch Klassen (bzw. Schulen) mit einem gravierendem Anteil von Schülern mit (akutem) Migrationshintergrund über Motivation und Engagement eine Leistungssteigerung möglich ist. Alelrdings sollte man mit diesem Satz im Mund auch nicht verheimlichen daß die Klassenstärken in schwedischen Schulen 30-50% unter einer vergleichbaren Münchner Schule liegen.
Was sollte also das Fazit für den deutschen Zuseher sein?
Zum Einen ist es wohl wirklich nötig Lehrer zu mehr Motivation und Leistung zu motivieren. Es kann nicht angehen daß viele Lehrer bei vollem Gehalt einen Halbtagsjob leisten. Lehrer gehören den ganzen Tag an ihren Arbeitsplatz - in die Schule!
Zum Anderen ist es aber auch (nicht zuletzt mit Blick auf die Lehrer!) nötig die Klassenstärken deutlich zu reduzieren. Nur bei kleinen Klassen kann es auch gelingen auf die Defizite einzelner Schüler aktiv einzugehen!
Ich bin eigentlich sehr gegen diese ewigen Doku-Soaps, in denen Menschen mit ihren Schwächen vorgeführt werden.
Hier scheint jedoch auch mal was Gutes dabei rauszukommen. Auch vermeintlich schlechte, chancenlose Schüler können mit richtiger Einstellung und Vorgehensweise der Lehrer erfolgreich sein.
Den Lehrern einfach Unfähigkeit und Unwillen vorzuwerden ist immer einfach und sicher nur manchmal zutreffend. Warum kann man denn nicht endlich die Lehrer besser in den Punkten ausbilden, die so entscheidend sind und sie somit wirklich unterstützen: wie motiviert man Schüler, wie geht man mit Problemfällen um, welche Lernmethoden funktionieren am besten in welchen Fällen usw. usw. Einen guten Mathematiklehrer macht es doch nicht in erster Linie aus, dass er die höhere Mathematik selbst mit guter Note abgeschlossen hat, sondern wie er das Wissen besonders erfolgreich auch an Schüler vermittelt, die vielleicht nicht die besten Voraussetzungen mitbringen.
Na dann, bitte schnellstens das Fernsehen an unsere Schulen!!!
Und dann kommt hoffentlich endlich das, was schon lange passieren müsste. Supervision für alle Lehrer an allen Schulen, damit schlechte Methoden und alte Gewohnheiten wieder aufgebrochen werden können, damit Lehrer und Schüler zu einer besseren Verständigung finden und das Lehren und Lernen wieder mehr Spaß macht.
ohne unseren Beamten tierisch auf die Füße zu treten? Die dürfen nach ein paar Jahren machen was sie wollen, es gibt keine Kontrolle und keine Konsequenzen. Schlimmstenfalls werden die nicht mehr befördert.
Wer wie meine Eltern versucht hat, eine arbeitsunwillige und völlig inkompetente Fremdsprachenlehrerin loszuwerden, der ahnt welch hartes Brot das ist.