Die CDU will tatsächlich ihre heilige Kuh, die Hauptschule, schlachten. Widerstand leistet nur noch die bayerische Schwesterpartei. Im Interview mit sueddeutsche.de erklärt Bildungsexperte Ernst Rösner, dass der CSU-Kultusminster nur die Vergangenheit beschwört, was ein modernes Schulsystem bräuchte und warum Eltern, die ihr Kind keinesfalls auf die Hauptschule schicken wollen, einfach nur rational sind.
Der CDU-Vorstand hat ein neues Schulkonzept ohne Hauptschulen beschlossen. Danach kehrt auch die CDU vom dreigliedrigen Schulsystem ab und tritt für den Erhalt des Gymnasiums sowie die Schaffung einer neuen Oberschule ein, die Haupt- und Realschule vereint. Dr. Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund hat schon vor mehr als 20 Jahren das Ende der Hauptschule gefordert.
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Die CDU will sich von der Hauptschule verabschieden. Ein längst überfälliger Schritt, meinen viele Bildungsexperten. (© dpa)
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sueddeutsche.de: 1989 haben Sie ein Buch geschrieben mit dem Titel "Abschied von der Hauptschule. Folgen einer verfehlten Schulpolitik". Jetzt schlachtet sogar die CDU ihre heilige Kuh Hauptschule. Ein später Sieg?
Dr. Ernst Rösner: Allenfalls ein bitterer Sieg. Es überwiegt das Bedauern über den späten Zeitpunkt dieser Erkenntnis. Denn man hat bei der CDU zwei Jahrzehnte lang das hohe Lied der Hauptschule gesungen und Kinder in diese Schule geschickt. Nur selten die eigenen natürlich. Und die Kinder auf der Hauptschule hatten dann kaum eine Perspektive, hatten Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt und gehörten zu einer immer kleineren Gruppe, die sich ausgegrenzt fühlen musste. Dazu kommt noch, dass Millionenbeträge in dieses System geflossen sind, die man im Bildungswesen an anderer Stelle besser brauchen hätte können.
sueddeutsche.de: Die CDU hat im Jahr 2000 noch den bildungspolitischen Leitsatz vertreten, dass die Hauptschule in der gesellschaftlichen Wahrnehmung aufgewertet werden muss.
Rösner: Das ist und war auch damals ein völlig unrealistisches Ziel. Es hat seit 1968, so lange gibt es die Hauptschule in Westdeutschland, nicht an Versuchen gefehlt, diese Schule attraktiv zu machen. Und in keinem Bundesland ist es jemals gelungen, den Abwärtstrend aufzuhalten.
sueddeutsche.de: Ludwig Spaenle von der CSU, Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultur, sagt, in Bayern funktioniere die Hauptschule noch.
Rösner: Ach, der CSU-Kultusminister ... Der Herr Spaenle und viele in der CSU beschwören eine Wirklichkeit, die längst nicht mehr existent ist. Die Hauptschule ist auch in Bayern die Schule, die mit Abstand die meisten Schülerinnen und Schüler verliert. Weitaus mehr, als durch den demographischen Verlust bereits vorgegeben. Und wenn Herr Spaenle jetzt auf seine ach so geniale Idee verweist, die Hauptschule aufzuwerten in Form einer Mittelschule, dann ist das erstens ein Etikettenschwindel und zweitens die Kopie der Hauptschule in Nordrhein-Westfalen, die immer schon so war, wie Herr Spaenle die Mittelschule in Bayern haben will. In Nordrhein-Westfalen gehen noch 12,3 Prozent zur Hauptschule, Tendenz stark fallend.
sueddeutsche.de: Die CSU ist die letzte Bastion, die noch für die Hauptschule kämpft. Warum setzt jetzt sogar bei der CDU ein Umdenken ein?
Rösner: Die ersten Anstöße sind von Wirtschaftspolitikern der CDU gekommen. Ein Grund mag also gewesen sein, mehr Kinder höher zu qualifizieren, um auch in den Ausbildungsberufen besser geschulten Nachwuchs zu haben. Sie wollen mehr und bessere Schulabschlüsse haben. Die Hauptschule verliert ja nicht nur Schüler, weil es weniger Kinder gibt. Dann müsste das ja für alle Schulen gelten. Vielmehr zeigt sich: Die Zahl der Hauptschüler sinkt überproportional. Die Gymnasien legen zu oder halten zumindest die Schülerzahlen konstant. Das ist für die Hauptschulen tödlich, und zwar nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Regionen.
sueddeutsche.de: Worin liegt das Hauptproblem der Hauptschulen?
Rösner: Das liegt auf der Hand: Wir haben immer mehr Eltern, die immer bessere Schulabschlüsse erworben haben. Die Schulwahlentscheidung für ihre Kinder treffen die Eltern vornehmlich nach dem eigenen Schulabschluss. Mit dem Ziel: Das Kind soll einen besseren Schulabschluss haben als wir selbst. Das ist der Trend.
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Was soll das heißen: "eine zweite Schule mit gymnasialen Standards"? Was sind denn gymnasiale Standards?
Die Gleichwertigkeit von Schulen gibt es nur, wenn VERSCHIEDENES als gleich wertvoll bezeichnet wird. Aber Herr Rösner will offensichtlich eine Gymnasiumskopie, die nicht so heißen soll.
Und was immer vergessen wird, auch hier: Es gibt noch viel mehr Schulen! Das ganze berufliche Schulwesen, von der Wirtschaftsschule über verschiedene Berufsschulen, Fachoberschule, Berufsoberschule. Darüber spricht man gar nicht. Dabei haben über 40 Prozent in Bayern ihre Hochschulzugangsberechtigung eben nicht vom Gymnasium, sondern von solchen Schulen.
Was wiederum ein Beleg dafür ist, dass der Weg von Haupt- und Realschule über Berufsausbildung und weitere Schulen ins Studium gangbar ist und erfolgreich.
Laut Lebenslauf auf der Institutsseite hat der gute Mann nie an einer Schule unterrichtet.
Hier ist es mal wieder so das der Blinde den Sehenden die Farbe des Himmels erklären will.
Bevor Herr Dr. Rösner über Schulkonzepte spricht, sollte er mal den Praxistest machen.
Ausserdem würde mich mal interessieren, was der gute Mann zu den PISA-Ergebnissen sagt.
trefflicher Kommentar! Von der SZ hätte ich im übrigen ein kritisches Hinterfragen erwartet. Stattdessen wird diesem "Experten" ein nahezu unkritisches Forum für seine Ergüsse geliefert. An der Hauptschule in unserem Ort gibt es zahlreiche Initiativen, lernschwache, unmotivierte Schüler und ein völlig passives bis ablehnendes Elternhaus aufzufangen und die diesbezüglichen Defizite auszugleichen. Und dies geschieht mit einer Reihe von guten und einsatzfreudigen Pädagogen, die hier nicht nur einem Job, sondern einer Berufung nachgehen. Das mag in Dortmund anders sein, was ich nicht beurteilen kann. Aber bei uns haben alle Schüler mit Abschluss eine Lehrstelle gefunden oder besuchen den M-Zweig, der zur mittlerern Reife führt.
G8 Desaster. Rückständiges Kultusministerium. Leere Parolen. Veraltete Vorstellungen von Bildung und Beruf. Die CDU muss sich um Bayern kümmern.
Die CSU hatte bis zur "absolutistischen" Mehrheit (2/3) unter Stoiber fast immer den Puls der Zeit erkannt. Dann, nachdem Schröder im Wahlkampf Stoiber vorwarf, es gebe in Bayern viel zu wenig Abiturienten, versuchte Stoiber die Realität zu verändern. Nebenbei in Bayern gibt es die meisten Fachabiturienten!
Die Bildungsoffensive der beiden (kinderlosen) Frauen Merkel und Schawan hat nur die "Elite" und vor allem das Drängen der Wirtschaft im Kopf. Und das hat zwei Dinge zur Folge:
1. Die jenigen, die nicht mitkommen, bleiben außen vor.
2. Der Druck, der fast nur von den Eltern auf die Kinder ausgeübt wird, nimmt zu.
Mit der Hauptschule geht die CSU wieder ihren Weg, der ihr Jahre lang Erfolg beschert hatte. Leider werden die Forderungen vieler Hauptschullehrer nicht berücksichtigt, dass man in diesem Schultyp eher praktisch vorgehen sollte und nicht in erster Linie theoretisch.
Die Hauptschule darf nicht die Sonder- oder Hilfsschule der 50 er Jahre sein; auch kein Abschiebebahnhof für gescheiterte oder faule Schüler. Sie ist zwar nicht mehr die Haupt- schule; aber sie kann einen anderen Lernstil ermöglich. So wird jeder Schüler positiv auf das Leben vorbereitet.
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