Nach langem Ringen hat sich Christian Weis im Job als schwul geoutet. Heute engagiert er sich dafür, dass auch andere Homosexuelle so offen sein können - und verurteilt das Doppelleben in den Führungsetagen.
Als Christian Weis seine Ausbildung bei der Commerzbank begann, war er 16 Jahre alt. Weder seiner Familie noch seinen Freunden, geschweige denn seinem Arbeitgeber, hatte er zu diesem Zeitpunkt offenbart, dass er schwul ist. "Ich komme aus einer ländlichen Region", erzählt Weis - dort war es nicht gerade alltäglich, dass sich jemand als homosexuell outete. Doch der junge Mann musste sein Versteckspiel nicht lange durchhalten: Bei der Commerzbank traf er auf einen Ausbildungsleiter, der mit seinem Schwulsein ganz offen umging. "Das hat mich beeindruckt, dass so etwas bei einer Großbank möglich ist", erinnert sich Weis. Der Vorgesetzte bestärkte ihn darin, zu sich selbst zu stehen.
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Regenbogenflagge: Versteinerte Vorstellungen beherrschen immer noch deutsche Führungsetagen. (© Foto: ap)
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Inzwischen ist Weis sowohl im Job als auch im Privatleben geoutet - und engagiert sich dafür, dies auch anderen homosexuellen Kollegen zu ermöglichen: Neben seinem Job als Vertriebsspezialist fungiert der heute 25-Jährige als Sprecher von "Arco", einem Netzwerk für schwule und lesbische Mitarbeiter der Commerzbank. 2002 wurde das Netzwerk im Rahmen des Diversity-Managements gegründet und hat derzeit 250 Mitglieder weltweit. Arco soll zu einer offenen Unternehmenskultur beitragen und schwulen und lesbischen Mitarbeitern Hilfestellung bei Problemen geben. Mit Veranstaltungen, Flyern und einer ausführlichen Intranet-Homepage wirbt Arco für mehr Toleranz gegenüber schwulen und lesbischen Kollegen. Für konkrete Probleme stehen Ansprechpartner bereit - auch bei anonymen Anfragen. Denn gerade neue Mitarbeiter wissen oft nicht: Was hält das Unternehmen davon, wenn ich mich oute?
Doppelleben in den Führungsetagen
Vorsicht ist durchaus angebracht: Laut einer Studie der Universität Köln aus dem vergangenen Jahr wird jeder zehnte Homosexuelle am Arbeitsplatz stark gemobbt. Drei von vier Schwulen und Lesben haben bereits Diskriminierungen erlebt. Kein Wunder also, dass sich der Studie zufolge jeder zweite Homosexuelle nicht traut, seine sexuelle Identität im Betrieb zu offenbaren
Das ständige Versteckspiel mindert nicht nur die Lebensqualität der betroffenen Angestellten, sondern auch ihre Arbeitsleistung: "Wer sich nicht outet, muss seine Identität verleugnen, Partner erfinden und Telefongespräche verfälschen. Weder für den Menschen noch für die Bank kann es produktiv sein, wenn sich Mitarbeiter darauf konzentrieren müssen, eine Parallelwelt aufzubauen", sagt Barbara David, Diversity-Managerin bei der Commerzbank. Die Gründung von Arco war also nicht ganz uneigennützig. Und sie findet mehr und mehr Nachahmer: Neben der Commerzbank haben rund 30 bis 40 Unternehmen ein Netzwerk für schwule und lesbische Mitarbeiter eingerichtet, darunter die Deutsche Bank, IBM, Volkswagen und seit 18 Monaten auch das Möbelhaus Ikea. Dessen Netzwerk "Fairquer" versteht sich als "Erstkontaktstelle für Beratung", sagt Ikea-Sprecher Kai Hartmann. Sogar für ganz spezielle Anliegen gebe es Ansprechpartner, etwa wenn es um multikulturelle homosexuelle Partnerschaften gehe oder wenn ein schwuler Mitarbeiter in Elternzeit gehen wolle.
"Leb mit wem Du willst"
In diesem Jahr war Fairquer erstmals mit einem eigenen Wagen bei der Christopher Street Day-Parade in Köln dabei. Das Motto des Auftritts: "Leb mit wem Du willst." Es habe intern durchaus Diskussionen gegeben, ob Ikea ein Statement auf der Parade abgeben solle, sagt Sprecher Kai Hartmann. Letztlich entschied man sich dafür: "Wir wollten zeigen, dass wir offen sind und dazu auch stehen können", so Hartmann. Mit öffentlichen Aktionen dieser Art wird ein Mitarbeiternetzwerk - neben den positiven Effekten für die Unternehmenskultur - auch zum Rekrutierungsinstrument. "Viele Mitarbeiter, die wir für uns gewinnen wollen, informieren sich vorher gezielt über das Thema Diversity", sagt Arco-Sprecher Weis. Bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber spiele längst nicht mehr nur Geld eine Rolle, sondern auch die Unternehmenskultur, "das sehen wir auch an den Klicks auf unserer Website".
Doch unter Diversity verstehen viele Firmen nach wie vor ausschließlich Gleichstellungsmaßnahmen für Frauen. Nur wenige Unternehmen greifen die sexuelle Orientierung als Diversifizierungsmerkmal ihrer Mitarbeiter auf. "Die Bedeutung dieses Themas wird nach wie vor unterschätzt", sagt ein Sprecher von "PrOut@Work". Bei der Interessenvertretung lesbisch-schwuler Mitarbeiternetzwerke können sich Unternehmen Rat holen, die ein solches Network aufbauen wollen. So bat etwa Ikea bei PrOut@Work um Hilfestellung. Voraussetzung ist den Beratern zufolge, dass sich einige Mitarbeiter für ein solches Netzwerk engagieren wollen.
Um diese Leute zu mobilisieren, könne es hilfreich sein, die Gründungsabsicht intern zu kommunizieren und damit das Signal zum Start zu geben. Entscheidend sei es zudem, dass es für das Projekt Unterstützung aus der obersten Führungsebene gebe und eine feste Ansprechperson im Vorstand, die für dieses Thema verantwortlich zeichne. Bei der Commerzbank etwa verfasste der Vorstandsvorsitzende Grußworte für die Jahrestreffen von Arco, sprach auf Veranstaltungen über Schwule und Lesben und das Thema Diskriminierung.
Selbstverständlich: Schwul und stolz darauf
"Diesen Support gibt es nicht überall", betont Weis, "nicht jeder kann die Worte 'schwul-lesbisch' leicht aussprechen, das sind für viele immer noch Unwörter." Homosexualität ist in den Führungsetagen deutscher Unternehmen ein Tabu. Ab der ersten Führungsebene aufwärts herrscht noch ein stark traditionelles Denken vor. Auch an der Mitgliederstruktur von Arco wird dies deutlich. Weis bedauert, dass es in der Wirtschaft bislang an Vorbildern mit Signalwirkung fehle, wie es sie in der Politik längst gebe.
Es gibt noch viel zu tun für Arco & Co - und natürlich können die Netzwerke nicht alle Probleme lösen. Laut PrOut@Work besteht bei den betroffenen Mitarbeitern nach wie eine große Scheu, sich bei Schwierigkeiten an die zuständigen Ansprechpartner zu wenden.
Auch bei der Gewerkschaft Verdi hat man die Erfahrung gemacht: "Viele Menschen trauen sich nicht, nach außen präsent zu machen, dass sie gemobbt werden", berichtet Wolfgang Werner, stellvertretender Bundessprecher vom Bundesarbeitskreis Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender in Verdi. "Wir hatten bereits mehrfach Diskriminierungsfälle, in denen die Betroffenen nicht wollten, dass wir mit dem Betriebsrat reden und vermitteln."
Bei vielen sei es ein Kampf mit sich selbst, sagt Weis. Die Betroffenen müssten den entscheidenden Schritt auf sie zu machen. So wie ein Angestellter, der schon 30 Jahre lang ein kräftezehrendes Doppelleben geführt hatte, bis er mit Unterstützung von Arco wagte, zu seiner Lebensform zu stehen. Die Erkenntnis, dass es noch mehr Kollegen mit ähnlichen Problemen gibt, hatte ihn zu diesem Schritt ermutigt. Solche Erfolgsmeldungen motivieren die Netzwerker, sich neben ihrer Arbeit weiter zu engagieren. Für die Mitarbeiter der Bank sei es inzwischen zur Normalität geworden, dass es ein schwul-lesbisches Netzwerk gibt, erzählt Weis. "Früher ernteten wir ungläubiges Staunen, wenn wir von Arco erzählt haben. Heute ist das nichts Besonderes mehr."
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(SZ vom 16.08.2008/gut)
Eurovision Song Contest
Sehr mutig finde ich, auch in der heutigen Zeit könnte ich mir vorstellen gibt es immer noch Menschen die damit nicht umgehen können. Was gerade am Arbeitsplatz schwer werden kann.
Ob allerdings mein "Standing" so beneidenswert ist, sei mal dahin gestellt. Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht angefeindet werde. Ich bin in einer vorwiegend ländlichen Region, in der die katholische Kirche ca. 90 % ausmacht und der Islam 10 %, vorwiegend Einfamilienhäuser und kleine/mittlere Unternehmen. Das ist dann schon auch zäh, aber es ist der für mich leichter lebbarere Weg.
Mobbing oder ein ungutes Betriebsklima haben nicht zwangsweise damit etwas zu tun, dass es keine höflichen Umgangsformen gibt. Killing with kindness wird da zum geflügelten Wort.
Ich gebe Ihnen allerdings darin recht, dass eine Kommunikationskultur Teil der Unternehmenskultur sein muss und diese auch sowohl von oben als auch von unten mit Leben gefüllt werden muss. Verantwortlich dafür müssen die Führungskräfte sein; wer sonst. Leben jedoch muss es jede/jeder Einzelne. Ein gemeinsames Leitbild, ein vereinbarter Codex sind ein Schritt dazu. Von gesetzlichen Regelungen wiederum halte ich an dieser Stelle wenig (Quoten, Antidiskriminierungsgesetze).
Ich möchter noch einmal betonen, dass es mir nicht um die Macht als solche geht, sondern um die darauf basierende Kommunikation (z.B.) in einem Unternehmen.
Die Asymmetrie der Kommunikation, liegt in der Hand des Mächtigen. Wenn in einem Unternehmen, beispielsweise durch höfliche Umgangsformen, die Kommunikation kein hemmungsloser Ausfluss der Macht ist, kommt dies allen Beteiligten zu Gute.
Dann ist, unter Anderem, auch die sexuelle Orientierung der Mitarbeiter längst nicht so problematisch für den Einzelnen, der nicht immer über ein so beneidenswertes Standing wie Sie verfügt. Solange dies jedoch nicht erreicht ist, wird immer eine gewisse Gegenmacht benötigt, die sich auch als Netzwerk manifestieren kann.
Letztlich profitiert von einer geschützten Kommunikationskultur das gesamte Unternehmen nicht nur die Gruppen unterschiedlicher, geschlechtlicher Orientierung.
Macht ist immer asymmetrisch. Alles andere wäre ein Widerspruch in sich. Wo Macht ist, gibt es ein Gefälle nach oben oder nach unten. Es sei denn, es spielt sich unter Leute auf gleicher hierarchischer Ebene ab.
Im übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, dass es meistens besser ist sich zu wehren wenn man persönlich betroffen ist. Im Idealfall mit höflichen, aber bestimmten Worten. Wenns dumm rauskommt, wird man nämlich gemobbt weil alle denken "Mit dem kann mans machen" oder aus Neid, weil man sich etwas zu sagen traut. Endergebnis in beiden Fällen das gleiche; im letzteren hat man ein Magengeschwür weniger (Ich weiss wovon ich rede - kenne das von meinem vorigen Arbeitgeber wo es mir nach 13 Jahren aufgrund eines internen Vorgesetztenwechsels so erging! *g*)
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