Abrücken will die Uni von ihrem virtuellen Verwaltungsportal trotz der Probleme nicht, sagt Pressesprecher Thoralf Dietz. Schließlich hat die Uni viel Geld in das System investiert. Für Software-Hersteller tut sich hier ein lukrativer Markt auf, denn zahlreiche Hochschulen in Deutschland haben die Umstellung auf den digitalen Campus noch vor sich. Momentan teilen sich vier große Anbieter den Handel nahezu unter sich auf: Microsoft, das Hamburger Unternehmen Datenlotsen, SAP und die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS), die Passau ausstattete.
Anzeige
Mit dem HIS-System hat auch die Freie Universität Berlin (FU) schon ihre Erfahrungen gemacht. Das System war so katastrophal, dass nicht nur Studenten, sondern auch Professoren Sturm liefen. Informatik-Dozenten beschwerten sich über miserable Programmierung und unnötige Fehler. Wollte ein ehemaliger Student drei Jahre nach seinem Abschluss etwa noch einmal ein Zeugnis für eine Bewerbung ausdrucken, stand dort plötzlich eine völlig andere Note. Nach mühsamer Recherche fanden die Fachleute heraus: Das System hatte Änderungen in der Prüfungsordnung automatisch übertragen, obwohl sie für ehemalige Studierende überhaupt nicht relevant waren.
Auch aus datenschutzrechtlicher Hinsicht war das Modell ein Desaster. "Es war überhaupt nicht sicher, dass die Angaben der Studenten unter Verschluss blieben. Vertraulichkeit und Tranzparenz konnten mit HIS einfach nicht gewährleistet werden", sagt die Datenschutzbeauftragte der FU, Ingrid Pahlen-Brandt. In ihrer Not wandte sie sich an den Datenschutzbeauftragten der Stadt Berlin, der ebenfalls Druck auf die Uni ausübte. Das Kuratorium der FU kippte schließlich das System. HIS weist die Schuld für Probleme von sich und macht die Unis verantwortlich. "Angriffe auf den Datenschutz sind nur möglich, wenn die Hochschulen ihre Systeme schlecht konfigurieren", sagt Martin Klingspohn, der bei HIS für die Software zuständig ist. Dennoch trennte sich die FU von HIS und arbeitet nun mit einem SAP-System. Damit müssen sich die Studenten heute herumschlagen.
"Aber auch hier war der Start ziemlich holprig", sagt David Gutzmann vom AStA der FU. So sei das An- und Abmelden zu Veranstaltungen zu Beginn technisch nicht möglich gewesen. "Deshalb stapelten sich im Prüfungsamt Berge von Papier - obwohl das System ja eigentlich dazu gedacht war, diese Papierberge zu vermeiden oder abzubauen."
Mittlerweile haben sich die Studenten jedoch mit dem Online-Management ihres Studiums abgefunden, obwohl noch immer Pannen passieren. So finden sich BWL-Studenten, die eine Vorlesung zu Investition und Finanzierung belegen wollen, plötzlich in einem Seminar zur Wetterdiagnose für Meteorologen wieder.
Auf diese Weise werden die Studenten tatsächlich noch zu Generalisten ausgebildet, die mobil und flexibel zwischen den Bildungsgängen wechseln - genau so, wie es das Ziel des Bologna-Prozesses ist.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Bachelor- und Masterstudiengänge Ende einer Lebensform 21.06.2007
- Hochschulreform Baustelle Bachelor 28.04.2006
- Universitäten Studienfach Schnaps 21.01.2008
(sueddeutsche.de/mri)
Debatte über Urheberrecht
Warum ist es denn so schwer weiterhin den Studenten Scheine auszustellen, damit die was in der Hand haben? Es könnten damit Pannen, wie sie im Bericht beschrieben wurden wieder richtiggestellt werden. Außerdem sollten die Studenten ihre Klausuren und Hausarbeiten korrigiert und benotet (so wie's üblich war) wieder audgehändigt bekommen. Man sollte sich vielleicht nicht nur auf die Technik verlassen, Was ist, wenn ein Häcker das System knackt und es zum Absturz bringt? Bei den Datenmengen von Tausenden von Studenten wäre das Chaos nicht auszudenken!!!
Wer Poesiewürdigungsstühle benutzt, sollte nicht zu freiem Handel referieren!
Obwohl der Beitrag um Ausgewogenheit bemüht ist, betet er gravierende sachliche Fehlinformationen eines ähnlichen Berichts der FTD vom 15.5.2007 nach: Den Handel teilen sich keinesfalls "vier große Anbieter ... nahezu" untereinander auf. Microsoft ist de facto kein Anbieter von Campus Management Systemen, und SAP Campus Management weist eine einzige Referenzinstallation an deutschen Hochschulen auf (zwei Dutzend kleinerer Akteure werden hingegen nonchalant unterschlagen). Bei aufmerksamer Beobachtung stellt man fest, dass jüngst alle genannten Anbieter öffentlich in ähnlicher Form für jeweilige 'Systemmängel' angefeindet worden sind. Zufall angesichts der tendenziellen Überforderung mancher (hochgradig dezentral strukturierter!) Hochschulen mit den Implikationen des weit reichenden aktuellen Strukturwandels?
So lange es immer noch so wenig Anbieter gibt, wird sich an der Situation vermutlich auch nicht viel ändern - das klassische Mono- bzw. Oligopolproblem.
Zudem frage ich mich, warum man mit der Aufgabe der Entwicklung eines solchen Systems nicht eine Projektgruppe oder Studenten in einer längeren Projektarbeit unter Aufsicht eines oder mehrerer Professoren betraut? Das Ergebnis wäre ein kostengünstigeres, möglicherweise effizienteres, aber vor allem benutzerorientierteres System - bei dem zusätzlich die Verantwortlichen schneller greifbar wären als ein Helpdesk bei Microsoft.
ich versteh nicht, warum man immer wieder versucht das papier abzuschaffen. ich hab ja nichts dagegen, dass alles über computer abrufbar ist, etc., aber schriftliche bestätigungen sind extrem wichtig um fehler und missbrauch einzuschränken.
Paging