Die Zukunft der Arbeit Gute Nacht, Freizeit!

Feierabend gibt's nicht mehr: Noch in den Neunzigern wurde der Siegeszug der Freizeitgesellschaft prophezeit. Aber nichts da - länger arbeiten, das gehört für viele Menschen in den Industrieländern zum Alltag. Doch das Verschwimmen der Grenzen von Arbeit und Freizeit hat weitreichende Folgen.

Von Caspar Dohmen

Europas größtes Stahlwerk erstreckt sich auf einer Fläche von 9,5 Quadratkilometern im Duisburger Norden. Wer zwischen den Hochöfen und durch die Werkshallen läuft, wundert sich, wie wenig Arbeiter er antrifft. Von einem Leitstand aus steuern einige wenige Spezialisten die vollautomatische Walzproduktion.

Sie blicken hinunter in die Halle, in der aus glühenden Rohstahlblöcken Maschinen Bleche fertigen. Ein Beschäftigter in diesem zu Thyssen-Krupp gehörenden Stahlwerk hat im Jahr 1990 rechnerisch 315 Tonnen produziert - heute sind es 695 Tonnen. Entsprechend konnte die Firma ihre Beschäftigtenzahl mehr als halbieren.

Wie hier in der Stahlindustrie denken vielerorts Menschen darüber nach, wie sie mittels Technik den Einsatz von Arbeitskräften senken können. Die Ergebnisse in den westlichen Industrieländern sind atemberaubend: Jeder Arbeitende erwirtschaftet heute das Zehnfache dessen, was seine Vorfahren Anfang des 20. Jahrhunderts geschafft haben.

Und der Prozess geht weiter: Die Produktivität in den entwickelten Volkswirtschaften erhöht sich jährlich um etwa zwei Prozent; entsprechend kann man mit einem um zwei Prozent verminderten Zeitaufwand die gleiche Menge an Gütern herstellen oder bei unverändertem Zeitaufwand zwei Prozent mehr Güter produzieren - dann wächst die Wirtschaft.

Angesichts des technologischen Fortschritts sah manch ein Schriftsteller oder Philosoph Mitte des 20. Jahrhunderts eine goldene Zukunft für die Menschheit voraus. Der französische Sozialwissenschaftler Jean Fourastié beschrieb 1949 eine Gesellschaft mit Wohlstand und einem Leben in Annehmlichkeit für alle, der österreichische Sozialphilosoph André Gorz in den 1970er Jahren in "Wege ins Paradies" eine Gesellschaft, in der es dank der Umwälzungen durch die Mikrotechnologie ausreicht, wenn jeder Einzelne 20 000 Stunden in seinem Leben für Lohnarbeit aufwendet, was etwa zehn Jahren Vollerwerbsarbeit entspricht.

Vom Ende der Arbeit spricht bis heute der US-Ökonom Jeremy Rifkin, der sein gleichnamiges Buch im Jahr 1995 vorlegte. "Langfristig wird die Arbeit verschwinden", sagt Rifkin, weil die Zeiten vorbei seien, in denen "technologischer Fortschritt und gesteigerte Produktivität alte Jobs vernichten, dafür aber mindestens genauso viele schaffen".

Seine Prognose: "Das Industriezeitalter bereitete in den USA der Sklaverei ein Ende. Das Informationszeitalter wird der massenhaften Lohnarbeit den Garaus machen." Also endlich mehr freie Zeit, in denen sich Menschen um ihre Familie kümmern, ihren Hobbys nachgehen oder schlicht Muße erleben können?

Kein Ende der Arbeit in Sicht

Theoretisch spricht sogar nichts gegen eine Science-Fiction-Welt, in der Maschinen alle Güter und Dienstleistungen bereitstellen und in der sich die Maschinen auch noch selbst warten. Vieles was gestern futuristisch klang, ist heute möglich: Solarbetriebene Roboter können alte Menschen pflegen, die vollautomatische Kasse kann die Arbeit der Kassiererin im Supermarkt übernehmen und vielleicht ersetzt schon bald eine Bilderkennungs-Software den Radiologen bei der Beurteilung von Röntgenbildern.

Doch der Nachruf auf die Erwerbsarbeit ist verfrüht. Und die Prognose vom Ende der Lohnarbeit erinnert an die vom Pferdemist. Experten waren sich sicher, dass die Stadt New York spätestens 1910 in meterhohem Pferdemist versinken werde. Dann wurde das Auto erfunden und die Prognose war Makulatur. Das Auto schuf neue Probleme. Aber die Experten rieten den Stadtvätern zur Ruhe: Das Auto habe keine Zukunft, weil es nicht genug geschulte Chauffeure gebe.

Erwerbsarbeit ist bis heute in den westlichen Industrieländern der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe, auch, weil die meisten Menschen ihr Gehalt benötigen, um die Produkte zu kaufen, die sie brauchen und solche, die sie haben wollen, um dazuzugehören. Im Laufe dieses Jahres stieg die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland sogar erstmals über die Marke von 41 Millionen, gleichzeitig sank die Zahl der Arbeitslosen unter die Marke von drei Millionen. Das spricht nicht für die Etablierung einer Freizeitgesellschaft.