Von Cornelia Knust

Warum Manager den gemeinen Menschen nicht verstehen.

Es stand in der Bild-Zeitung. Das Lebensmotto des Josef Ackermann: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen". Dieses Zitat aus Goethes Faust hat sicher nicht nur der Chef der Deutschen Bank im Poesiealbum stehen. Er ist vielleicht der Schlüssel zu einer Antwort, nach der wir seit langem suchen. Warum nur sind Manager immer so erstaunt, wenn sie einen Stellenabbau verkünden, und die Betroffenen dann auf die Barrikaden gehen?

Die Poesie der Wirtschaftsbosse: Warum Manager den gemeinen Mitarbeiter nicht verstehen.

(© Foto: photodisc)

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"Die Manager, die es bis ganz nach oben geschafft haben, sind sehr auf Ergebnisse fixiert", sagt Walter Straub, Gründer der Beratungsgesellschaft Comteam. Hindernisse auf dem Weg zu diesem Ergebnis sehen sie nicht. Befindlichkeiten der Menschen nehmen sie nicht wahr: "Das wird einfach ausgeblendet".

Die Spitzenkräfte haben schon in der Kindheit gelernt, dass das Ergebnis das ist, was sie letztlich belohnt. Wer gute Noten nach Hause bringt, wird gelobt. Wer Mitgefühl zeigt oder die Wirkungen eigenen Handelns überprüft, meistens nicht. Gut ist nicht gut genug. Das treibt den späteren Manager bis an die Spitze. Er strengt sich an, er opfert sich auf und fordert blindlings dasselbe von anderen. Die Sache zählt, nicht der Mensch. Wozu erklären, wie Milliardengewinne und Entlassungen zusammenpassen?

Fragen oder Widerstände der Betroffenen halten natürlich auf; kleine Kratzer am Image sind misslich, besonders wenn sie vorübergehend die Kundschaft verprellen. Doch das alles kann hingenommen werden, zumal es für den Spitzenmann selbst keinen Entzug der Belohnung nach sich zieht. Jedenfalls sind die Aktienkurse noch immer gestiegen, wenn knallharte Sanierer einen Stellenabbau angekündigt haben. Sind diese Autisten irgendwie beeinflussbar? In persönlichen Krisen erkennen die Manager manchmal, was sie alles an Wahrnehmung nicht zugelassen haben, sagt Straub. Wenn der Vater stirbt oder die Ehefrau auszieht. Solche Schocks brächten den Anstoß, in kritische Distanz zu sich selbst zu treten und das Leben insgesamt aufzuräumen.

Die Eier-Vermeidungsstrategie

Kann man nicht wenigstens die Belohnungssysteme in deutschen Unternehmen ändern? Sofern sie börsennotiert sind und keinen väterlich agierenden Großaktionär haben, wahrscheinlich nicht: Was schert sich anonymes Kapital um die Sorgen derer, die von Entlassung bedroht sind? Dabei ist Straub der Meinung, ein starker Aufsichtsratsvorsitzender könnte den Kleinaktionären durchaus vermitteln, was gesellschaftliche Verantwortung heißt und dass auch sie dazu beitragen müssten. Die Bereitschaft ist da, meint Straub: "Schließlich spenden die Menschen ja auch für Erdbebenopfer".

Vielleicht kann man die Manager immerhin lehren, ihre schlechten Nachrichten etwas geschickter zu überbringen. Wer selbst vor seine Mitarbeiter tritt und sie vor allen anderen informiert, vermittelt ihnen so etwas wie Wertschätzung. Wer die Reaktion der aufgebrachten Öffentlichkeit vorwegnimmt, muss sich nachher nicht peinlich rechtfertigen.

Klingt trivial, ist es aber nicht. DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche jedenfalls landete einen Überraschungscoup, als er drei Wochen nach Amtsantritt vom Flieger aus Detroit direkt ins Sindelfinger Mercedes-Werk schritt und den Sanierungsplan persönlich überbrachte. Blütenrein blieb das mitgebrachte Taschentuch zum Entfernen von Eiern und Tomaten.

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(SZ vom 31.7.2006)