Von Von Christine Demmer

Vom selbstständigen Reisekaufmann zum Personalberater.

Globalisierungsdebatte? Oh nein, nur das nicht. Für Ilker Özsoy, als Sohn türkischer Einwanderer in Deutschland aufgewachsen, ist die ganze Diskussion um Zuwanderung, Multikulti und Firmenverlagerung ein chancenloser Abwehrkampf gegen die normative Kraft des Faktischen. "Für uns gibt es heute nur noch die Grenzen unseres Budgets", sagt der 34-Jährige, "denn bis auf wenige Regionen steht den Menschen die ganze Welt offen." Die echten Herausforderungen für Entdecker, so glaubte Özsoy schon als Abiturient, bieten sich nur noch außerhalb der Weltkugel.

Ilker Özsoy

Ilker Özsoy hat weltweit Erfahrungen gesammelt (© Foto: SZ)

Anzeige

Unternehmer geworden

Luft- und Raumfahrtingenieur will Ilker Özsoy werden. Doch schon im ersten Semester lässt er die Astronautenkarriere sausen und bewirbt sich an der Uni Bayreuth um einen Studienplatz im bodenständigeren Fach Betriebswirtschaftslehre. Um die Wartezeit zu überbrücken, jobbt er in einer Pumpenfabrik. Und weil für das Studium ein betriebswirtschaftliches Praktikum erforderlich ist, sucht er sich eine Stelle in einem kleinen Start-up-Reisebüro, verkauft mit Begeisterung schöne Ferien und hilft, den Laden in Schwung zu bringen.

Aus dem Praktikum werden zwei Jahre, studiert wird in der Nebensaison. Nach dem Vordiplom wechselt Özsoy Hochschule und Reisebüro, er geht nach Passau. BWL studiert er jetzt im Hauptstudium, und das Reisebüro, für das er nebenbei arbeitet, gründet er der Einfachheit halber gleich selbst. Mit von der Partie sind zwei Kollegen aus der Tourismusbranche. Die wissen: Studenten verreisen gern. Deshalb fokussieren sie sich auf den studentischen Markt.

Doch Studenten, das lernen sie, haben nicht viel Geld. "Unsere Umsätze waren nicht besonders hoch, aber wir haben zum ersten Mal gespürt, was es bedeutet, Unternehmer zu sein", sagt Ilker Özsoy. Der angehende Diplom-Kaufmann setzt deshalb auf Risikostreuung und bedient, als Übersetzer und Dolmetscher mit perfekten türkischen Sprachkenntnissen, Gerichte, Asylbehörden, die Polizei und den Bundesgrenzschutz. Neben dem Studium, neben dem Reisebüro - der Student entdeckt Parallelwelten.

"Wie weit kann ich gehen?"

1996, während er sich allmählich auf das Examen vorbereitet, eröffnet er mit Geschäftskollegen ein weiteres Reisebüro in Deggendorf. Diesmal ist die Angebotspalette breiter: Über den Ladentisch gehen auch Schlafsäcke, Zelte, Trekkingschuhe und Thermojacken. "Das waren lustige Zeiten", sagt der inzwischen Grauhaarige. "Aber es gab auch Unstimmigkeiten. Wenn mehrere Gesellschafter an einer Firma beteiligt sind, muss man genau prüfen, ob man auch in der Geschäftswelt miteinander kann."

Für ihn waren diese Jahre der Selbstständigkeit eine Testphase. "Wie weit kann ich gehen, auf was muss ich achten, wenn ich nach dem Examen in die Wirtschaft gehe? Denn ein Studienabbruch stand nie zur Diskussion." Ein Jahr später ist Özsoy mit der Uni fertig. Die Noten sind nicht überragend, aber das stört ihn nicht. "Kein Prädikatsexamen kann mit der Erfahrung, die ich als Selbstständiger gemacht habe, mithalten."

Die Provinz ist nett, doch schöner findet es der 27-Jährige in München. Und da muss jetzt ein Einstiegsjob her. Nachweislich am besten kann Özsoy bisher Firmen gründen sowie Reisen und Outdoor-Equipment an Studenten verkaufen. Dieses Kombi-Talent gefällt einer Personalberatung, die ihn für die Beratung von Hochschulabsolventen engagiert. Nach einer Einarbeitungszeit von wenigen Wochen soll er das Frankfurter Büro aufbauen. Özsoy ist im Herzen Unternehmer, nicht Unterlasser. "Ich sagte zu, ohne irgendeine Ahnung zu haben, was Personalberatung ist."

Doch bald darauf ändert sich der Plan: Jetzt geht es um Verstärkung für das Büro in New York. Auch gut, denkt er sich. "Meine Englischkenntnisse waren nicht besonders, aber als der Chef fragte, wer sich denn so etwas zutraue, habe ich mich gemeldet." In den nächsten Jahren arbeitet Özsoy wechselweise in Manhattan und Mainhattan. Hier wie dort kurbelt er das Geschäft an, stellt Personal ein und Umsatzrekorde auf. Irgendwann möchte er aber doch lieber gestandene Führungskräfte als Hochschulabgänger betreuen und liebäugelt mit einer anderen Beratungsgesellschaft.

"Das konnte nicht klappen"

Vor dem Wechsel fliegt er nach Indien, um gemeinsam mit zwei anderen Freiberuflern EDV-Spezialisten für den deutschen Markt anzuheuern. Als Belohnung hat er die Greencard im Gepäck. "Instinktiv wusste ich, dass dies ein schwieriges Projekt werden würde, denn die Inder hatten die USA und England im Visier", sagt er. "Ich wollte aber nichts unversucht lassen, also nickte ich wieder einmal und saß zwei Wochen später mit den Kollegen, einem Business Plan und Broschüren mitten im Monsun in Mumbai. Am runden Tisch mit indischen Geschäftsleuten, die wir als Kooperationspartner gewinnen wollten."

Trotz gelungenem Joint Venture und schon gemieteter Geschäftsräume hört er auf seinen Bauch. "Das konnte nicht klappen", begründet er seinen Ausstieg aus dem Projekt gleich nach seiner Rückkehr. "Deutsche Unternehmer reagieren zu langsam, es gibt hier keine Lobby für Inder, alles ist sehr umständlich und nicht gerade einladend für die Neuankömmlinge." Für ihn war's das mit der Globalisierung, zunächst jedenfalls.

Seit vier Jahren arbeitet Ilker Özsoy nun "in der Welt der seriösen, grauhaarigen, gesetzten Personalberater", wie er sagt. Manchmal denkt er darüber nach, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er eine Banklehre gemacht, ein überdurchschnittliches BWL-Examen abgelegt und danach als Trainee in einem Konzern angefangen hätte. "Ich hätte weniger Ecken und Kanten, ein kleineres Netzwerk und nicht so viele Erfahrungen sammeln können." Und er hätte vielleicht nie entdeckt, welche Herausforderungen die Wirtschaftswelt bereit hält.

Leser empfehlen 

(SZ vom 15.5.2004)