Von Von Christine Demmer

Von der Optikerin und Industriekauffrau zur freiberuflichen Aufnahmeleiterin.

In ihren Stellenangeboten geben Firmen sich gern aufgeschlossen. "Unternehmerisches Denken" und "Eigenverantwortlichkeit" werden schon bei Trainees verlangt, für "Risikobereitschaft" und den "Mut, unkonventionelle Wege zu gehen" winkt die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Wir glauben daran und bewerben uns. Doch dann, mitten in der Beschreibung unseres knallbunten Lebenslaufes, zieht uns der Personalchef mit einer einzigen Frage den Boden unter den Füßen weg: "Sie haben ja schon sehr verschiedene Sachen gemacht. Sehr schön, sehr mutig. Aber was gibt uns die Sicherheit, dass Sie nun bei Ihrem jetzigen Beruf bleiben wollen?"

Cornelia Haanraats

"Egal, ob Ratschlag, Jobangebot oder Geschäftsidee - ich bin für alles offen": Cornelia Haanraats. (© Foto: SZ)

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Ideal für die Stelle, aber abgelehnt

Was soll man als Patchworker darauf antworten? "Keine Sorge, ich habe jetzt meine Mitte gefunden" - eine flapsige Antwort dürfte das Gespräch ziemlich rasch beenden. "Kommt darauf an, was ich bei Ihnen finde" - eine ehrliche Antwort vermutlich auch. Also beteuern wir im Brustton der Überzeugung, unsere Reise sei, zugegeben mit ein paar Umwegen, im Grunde genau auf diese eine Position zugelaufen. Und während wir innerlich flehen, dass uns der Personalchef diese Erklärung abnimmt, bleiben wir äußerlich völlig gelassen.

Situationen wie diese musste Cornelia Haanraats oft durchstehen. "Dabei hatte ich mich beworben, weil mir die Summe meiner Kompetenzen ideal für die Stelle erschien", sagt sie. "Doch die Auswahl erfolgt immer noch nach Geradlinigkeit des Werdeganges und nach der Position, die man vorher in der Hierarchie hatte." Dagegen werde die Horizonterweiterung, die man durch einen Branchenwechsel erfahren hat, oft negativ ausgelegt. "Obwohl fachliche Vielfalt proklamiert wird, fehlt die praktische Umsetzung dieser Erkenntnis."

Blanke Enttäuschung spricht aus den Worten der 40-Jährigen, die drei Berufe mit Abschluss gelernt hat, der Arbeit wegen fünf Mal umgezogen ist und sich zurzeit als Freiberuflerin über Wasser hält. "Ich habe Geschäftsideen und Konzepte entwickelt - für Design und Konstruktion von Fahrzeugen, Möbeln, Bootstrekking-Zubehör, Foto-, Bild- und Objektkunst, habe Texte geschrieben und Werbespots gemacht." Eine Idee hat sie an das Büro von Luigi Colani geschickt, die Antwort fiel ausweichend aus, doch das wirft sie nicht aus der Bahn: "Aufstiegs-Chancen muss man sich selbst schaffen."

Die Breitband-Multifunktions-Projekt-Kümmerin

Der rote Faden in ihrer Vita bleibt tatsächlich zunächst verborgen. Nach der Schule jobbt Cornelia Haanraats in einer kleinen Baufirma, lernt ein wenig über Werbung, ein wenig über Personaldisposition, ein wenig über Altbausanierung. Weil sie Farben und Präzision mag, lässt sie sich beraten und beginnt anschließend eine Lehre als Augenoptikerin. Ihr Fernziel Brillen-Design scheint zwar mangels Studium nicht realisierbar, aber immerhin erweist sie sich drei Jahre lang als erstklassiges Verkaufstalent.

Mit einer zweiten Ausbildung zur Euro-Industriekauffrau will sie sich auf eine spätere Selbstständigkeit im kreativen Bereich vorbereiten - wo genau, lässt sie damals noch offen. "Den größten Vorteil dieses Berufs sah ich darin, das ich ihn in allen Branchen brauchen konnte." In den Folgejahren sammelt sie Kompetenzen, wo immer es geht. Sie koordiniert, organisiert, steuert und kümmert sich. Ihre Stärken, sagt sie, lägen in der Kommunikation, "bereichsübergreifend, intern und extern, welchen Prozess auch immer es zu bewältigen gibt." Aus der Optikerin und Kauffrau wird die erfolgreiche Breitband-Multifunktions-Projekt-Kümmerin.

Der rote Faden

1990 entdeckt sie ein neues Hobby, das mit allem ein bisschen zu tun hat, mit Optik, Gestaltung und Wirtschaft: Film. Mit geliehenem Equipment und in einem angemieteten Schneideraum produziert Haanraats kleine Werbefilme, medizinische Beiträge und Dokumentationen, alles mit Projektauftrag. Vor vier Jahren wirft sie das Ende eines Projekts abrupt in die Arbeitslosigkeit. "Na gut", sagt sie, "dann versuche ich mal, meine Kernkompetenzen Koordination und Film beruflich neu zu verbinden."

Der Koordinator beim Film heißt Aufnahmeleiter. Just zu dieser Zeit startet die Industrie- und Handelskammer Köln ein Pilotprojekt zur Ausbildung und Zertifizierung von Aufnahmeleitern. Gesucht werden Interessenten mit kaufmännischem Vorwissen und Erfahrung beim Film. Haanraats qualifiziert sich binnen zehn Monaten zur Aufnahmeleiterin Film und Fernsehen mit IHK-Abschluss. Wieder eine Kompetenz mehr, wieder irritierte Personalchefs, wieder Absagen.

Seither arbeitet Haanraats eigenverantwortlich und risikobereit, für TV-Produktionen und die Industrie, sie entwirft neue Produkte und sucht nach Kooperationsmöglichkeiten. "Egal, ob Ratschlag, Jobangebot oder Geschäftsidee - ich bin für alles offen." Genau das ist der rote Faden ihrer Biografie.

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(SZ vom 10.4.2004)