Von B. Taffertshofer

Eine Grundschule zeigt, wie Bildung gelingen kann. Jetzt hat sie den mit 100.000 Euro dotierten Schulpreis gewonnen.

Wie ungerecht Schule sein kann, hat Gisela Gravelaar schon früh erfahren. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin landete sie an einer Brennpunktschule. Sie sollte Migranten aus aller Welt unterrichten und hatte jeden Tag Kinder vor sich, die sich anstrengten, aber trotzdem scheiterten. Nicht weil sie zu dumm waren, sondern weil die Schule mit den schwierigen Lebensgeschichten der Schüler überfordert war.

Schulpreis Wartburg-Grundschule, dpa

Schüler der Wartburg-Grundschule bejubeln den Schulpreis: Die meisten der 360 Schüler werden ganztägig unterrichtet. (© Foto: dpa)

Anzeige

Damals fasste die junge Lehrerin den Entschluss, das Lernen in Klassenzimmern zu verändern. Und es ist ihr geglückt, zumindest im Kleinen, in der Wartburg-Grundschule in Münster, an der Gisela Gravelaar heute Rektorin ist. An diesem Mittwoch hat die Schule den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis erhalten.

Pausen zum Ausruhen und Spielen

Natürlich nimmt die 53-jährige Rektorin den Preis nicht für sich alleine in Anspruch. Sie sagt, eine gute Schule entstehe nur, wenn alle zusammenarbeiten, die Lehrer, die Kinder, die Eltern und andere Partner in der Stadt. Eine Einrichtung wie die Wartburg-Schule braucht aber auch eine Rektorin, die mutig neue Wege beschreitet und die Erwachsenen genauso fordert wie die Kinder. Das gefällt nicht jedem. Besonders für die Pädagogen bedeutet das viel Einsatz, aber in Münster haben sich Lehrer zusammengerauft, denen es gefällt, jeden Tag mehr zu arbeiten als andere. Die meisten der 360 Schüler werden ganztägig unterrichtet, mit vielen Pausen zum Ausruhen und Spielen.

An der Wartburg-Schule lässt sich zeigen, wie Schule gelingen kann - nicht wegen, sondern trotz der Bildungspolitik. Die Grundschule war der Zeit immer voraus, schon vor 30 Jahren, als sie noch Gravelaars Vorgängerin leitete. Sie richtete Ganztagsklassen ein, als Frauen, die ihre Kinder nachmittags in die Schule schickten, noch als Rabenmütter galten. Sie ermunterte die Kinder zur Freiarbeit, als Frontalunterricht in den Klassenzimmern noch die Regel war.

Die Kinder lernen heute in jahrgangsübergreifenden Klassen. Manche rücken nach einem Jahr in die nächste Stufe vor, andere brauchen dafür drei Jahre - aber alle schaffen es. Egal, ob ihre Eltern Asylbewerber oder Akademiker sind, ob die Kinder gesund oder behindert sind.

Austausch mit anderen Preisträgern

Möglich wird das erst dadurch, dass Lehrer, Sonderpädagogen und Erzieher im Team arbeiten. Die Erzieher zahlt die Stadt Münster, die auch das Schulensemble mit vier kleinen Häusern bauen ließ. Die Architektur richtet sich nach den pädagogischen Bedürfnissen: Jedes Klassenzimmer hat einen Nebenraum und einen Zugang zum Schulhof. Dort gibt es einen hügeligen Garten mit Bach, Spielgeräten, Bäumen und Büschen.

"Wir sind keine Wunderschule", sagt Gravelaar, "aber wir stellen uns unseren Schwächen." Künftig kann die Wartburg-Schule in der Akademie der Robert-Bosch-Stiftung von anderen Schulpreisträgern lernen. Auf diesen Austausch freut sich die Rektorin besonders. Denn trotz Auszeichnungen dürfe sich eine Schule nie ausruhen. An diesem Donnerstag wird es in Münster aber erst mal ein Fest geben, die Kinder haben das im Schulparlament so beschlossen. Und Gravelaar gibt zu, das müsse sie noch lernen: Erfolge feiern.

Leser empfehlen 

(SZ vom 11.12.2008/bön)