Ein Milliarden-Programm soll die deutsche Wissenschaft wieder nach vorne bringen.
Der Blick von außen war ernüchternd. Als die Shanghaier Jiao Tong University im vergangenen Jahr das bislang umfangreichste weltweite Hochschul-Ranking präsentierte, fanden sich Deutschlands Forscher genau dort wieder, wo schon Deutschlands Schüler in den diversen Pisa-Studien gelandet waren: unter fernen liefen. Die chinesischen Hochschulforscher hatten neben der Größe und der Ausstattung der Hochschulen unter anderem verglichen, wie viele Nobelpreisträger eine Universität hervorgebracht hat, wie oft ihre Forscher von Kollegen zitiert werden oder wie häufig sie in angesehenen Wissenschaftsmagazinen publizieren können.
Mehr Spitzenforschung: Im Fraunhofer-Institut in Dresden wird seit einiger Zeit an einer neuen Generation extrem dünner und leichter Flachbildschirme gearbeitet. (© Foto: AP)
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Ganz vorne landeten, nicht überraschend, die US-Elite-Universitäten Harvard und Stanford, gefolgt von der britischen Traditionsuni Cambridge. Beste deutsche Hochschule war die Technische Universität München - auf Platz 45. Neben ihr kamen nur sechs deutsche Hochschulen in die Top 100.
Das schlechte Abschneiden ist nur einer von vielen Belegen dafür, dass die deutschen Hochschulen auch in der Forschung vielfach ins Mittelmaß abgerutscht sind. Einzelne Universitäten oder Fakultäten gehören durchaus noch immer zur internationalen Spitze. Ihre einstige Vorrangstellung aber haben die hiesigen Unis an die in den USA, Großbritannien und Fernost abgeben müssen.
Mehr Graduiertenschulen
Das soll sich wieder ändern. Mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung wollen Bund und Länder die Forschungsleistungen an den Hochschulen "international wieder sichtbarer machen", wie Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) betont. Dazu sollen besonders herausragende Forschungseinrichtungen und -projekte bis Ende 2011 insgesamt 1,9 Milliarden Euro erhalten. 75 Prozent davon trägt der Bund, 25 Prozent übernimmt das jeweilige Land, in dem die künftigen "Leuchttürme" der deutschen Forschungslandschaft stehen.
Im Einzelnen sollen mit dieser "Exzellenzinitiative" drei Bereiche gefördert werden - drei so genannte Forschungssäulen, die allesamt genauso sperrige Namen tragen wie das Gesamtprogramm:
Graduiertenschulen: Für den wissenschaftlichen Nachwuchs sollen 40 Graduiertenschulen aufgebaut werden, die pro Jahr im Durchschnitt eine Million Euro erhalten. In ihnen sollen junge Spitzenforscher aus dem In- und Ausland auf hohem Niveau ausgebildet werden und möglichst früh eigenständig arbeiten - ein Modell, das sich bereits bewährt hat. Schon jetzt fördern Bund und Länder mehr als 300 solcher Schulen.
Exzellenzcluster: In verschiedenen Disziplinen sollen 30 Spitzenforschungszentren entstehen. In ihnen sollen die Universitäten ihr Know-how bündeln und auch mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Im Schnitt kann jeder Exzellenzcluster pro Jahr mit 6,5 Millionen Euro rechnen. Auch dieses Konzept ist nicht völlig neu; die Cluster ähneln den mehr als 270 Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die vom Bund und von den Ländern gemeinsam finanziert werden.
Zukunftskonzepte zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung: Um ihr Forschungsprofil weiter zu schärfen, sollen zehn ausgewählte Hochschulen pro Jahr mit weiteren 13,5 Millionen Euro gefördert werden. Dazu müssen sie jedoch nicht nur besonders zukunftsträchtige Forschungsprojekte, sondern auch bereits mindestens eine Graduiertenschule und einen Exzellenzcluster vorweisen.
Diese "dritte Säule" ist das eigentlich neue Element in der deutschen Forschungsförderung - und eben sie war der größte Streitpunkt: Die Länder lehnten eine Förderung ganzer Hochschulen - der viel zitierten "Elite-Unis" - strikt ab; sie fürchteten, dass der Bund hierüber in ihre Bildungshoheit eingreifen könne. Nach monatelangem Tauziehen ist nun im Vertragstext klargestellt, dass nicht Universitäten als Ganzes gefördert werden, sondern nur Forschungsprojekte an Universitäten.
Die zusätzlichen Millionen werden in allen drei Bereichen in einem Wettbewerb vergeben, den Forschungsministerin Bulmahn nach der Zustimmung der Ministerpräsidenten und des Kanzlers an diesem Donnerstag möglichst schnell ausschreiben will. Welche Einrichtungen und Projekte gefördert werden, entscheidet eine international besetzte Jury, die von der DFG und dem Wissenschaftsrat benannt wird.
Damit der erhoffte Anschluss an die Weltspitze bald gelingt, sollen die ersten Mittel schon 2006 fließen - und das auch nach Neuwahlen und einem eventuellen Regierungswechsel im Bund. Die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan, die als mögliche Forschungsmisterin in einer CDU/FDP-Koalition gilt, stellte dieser Tage vorsorglich klar: "Das Programm ist in dieser Form von allen gewollt. Das gilt auch noch für den Herbst."
(SZ vom 22.6.2005)
Christopher Lee zum 90.