Endlose Sätze und unnötige Fremdwörter: Juristen blähen die simpelsten Aussagen oft zu auswuchernden Satzgebilden auf. Ein Seminar soll ihnen helfen, verständlich zu schreiben.
Ein Schild auf dem Juristentag versprach Verwegenes: "Achtung! Heute findet in der Glashalle um 13 Uhr eine Führung durch Frau Dr. Ladwig-Winters durch die Ausstellung ,Anwalt ohne Recht' statt." Was für eine originelle Idee! Man bietet eine Führung an durch die Körperwelt von Frau Dr. Ladwig-Winters und auch noch durch eine Ausstellung zum rechtlosen Anwalt . . .
Die Sprache von Juristen strotzt häufig nur so von unbeholfenem Deutsch. Sprachseminare wie das von Schmuck sind dennoch bisher eine Ausnahme. (© Foto: iStock)
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Natürlich käme kein Jurist auf die Idee, den Hinweis so dümmlich misszuverstehen. Aber das macht die Sache nur schlimmer. Denn damit beweisen Juristen ja nur, dass ihnen gar nicht mehr auffällt, wie sie ihre Sprache verhunzen und Fehldeutungen provozieren.
Es fängt bei den simpelsten Aussagen an: "Wir wissen nicht, ob der Antrag von Herrn Müller bearbeitet wurde." Geht es um Herrn Müllers Antrag, oder ist Herr Müller der Sachbearbeiter des Antrags? Warum heißt es auf dem Hinweisschild nicht einfach, dass Frau Dr. Ladwig-Winters durch die Ausstellung führt?
Geliebte Schachtelsätze
Es muss auf tiefgründige Weise mit dem Geschäft der Rechtsanwendung zu tun haben, dass Juristen so hartnäckig Verben durch Substantive ersetzen. Ebenso, dass sie fast immer die Passivkonstruktion vorziehen. Und dass sie Schachtelsätze lieben und am phantasielosen Nominalstil kleben bleiben.
Nun mögen diese Stilelemente am ehesten dem unpersönlichen Ton entsprechen, den das juristische Metier mit seinen förmlichen und generalisierenden Imperativen zu verlangen scheint. Doch damit lassen sich nicht die Schlampereien, unnötigen Mehrdeutigkeiten und hässlichen Endlossätze rechtfertigen, die die Rechtssprache so häufig entstellen.
Die aufgeblähte Sprache geht am schnellsten von der Hand
Was aber so hölzern und kontraproduktiv daherkommt, lässt sich noch lange nicht mit einem schlichten Besserungsvorsatz vermeiden.
Ein prominenter Anwalt antwortete einmal, als man ihn auf seine ausufernden Schriftsätze hinwies, gewiss seien diese zu lang. Doch für ein treffliches kurzes Schreiben brauche er ein Vielfaches der Zeit - und die habe er nicht. So paradox es ist, aber ihre plumpe, aufgeblähte Schriftsprache geht den Juristen am flüssigsten von der Hand.
Und die allerwenigsten wissen um ihre Schwäche. Ein Liedchen davon kann Michael Schmuck singen. Auch er ist Anwalt, darüber hinaus Journalist, vor allem aber unterrichtet er "Klares Deutsch für Juristen". Obwohl die Profession längst erkannt hat, dass zu ihren "Schlüsselqualifikationen" eine adäquate Sprachbeherrschung gehört, ist ein Sprachtrainer wie Schmuck in Deutschland eine rare Ausnahme.
Was heißt Ausnahme, Schmuck ist ein einsamer Rufer in der sprachlichen Wüste. Als Einzelkämpfer bietet er Seminare für Behörden, Versicherungen, Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen großer Unternehmen an. Angesichts des so weit verbreiteten Übels ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.
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Über sperrige Sätze lamentieren und dann solche:
"Sei es, weil sie aus einem anderen Beruf herübergewechselt sind wie der ehemalige Schiffsoffizier, der das Steuerrad gegen den BGB-Kommentar ausgetauscht hat und jetzt Anwalt ist - und sich den Sinn für die Untiefen seiner neuen Sprachwelt bewahrt hat." :))
Die ARGE M. verbreitet Eingliederungsvereinbarungen in deren Standardteil folgender Satz zu lesen ist:
"Bitte beachten Sie, dass Sie für einen Aufenthalt außerhalb des zeit- und ortsnahen Bereiches des Hilfebedürftigen vorab immer die Zustimmung Ihres persönlichen Ansprechspartners benötigt wird."
Was die Juristen der ARGE M. ausdrücken wollten, ist in etwa nachvollziehbar... sie wollten die gesetzliche Forderung von §7, SGB II ('Hausarrestklausel') zu einem Vertragsinhalt erheben. Nur was die Juristen der ARGE M. denn gesagt haben, das ist schwer zu ergründen. Selbst wenn das störend-überflüssige 'wird' am Ende des Satzes ignoriert wird (und 'benötigt' durch das passendere 'benötigen' ersetzt wird), verbietet der Satz doch nur eine physikalische Unmöglichkeit. Denn ich bin immer und jederzeit dort wo ich gerade bin.
Hier könnte ein Seminar "Deutsch für Juristen" evtl. nutzbringend sein. Aber besser ist ein konsequentes vorgehen um solche Seminare erst gar nicht nötig zu machen. Juristen die ihre Unfähigkeit hinter Dünkel verbergen, die gehören aus dem Dienst genommen. Noch besser: sollten nicht in Dienst genommen werden.
Schön, dass die SZ mit dem "regelmäßig" auch gleich die Rundfunkfreiheit streicht. In der Lebach-Entscheidung dient das Wörtchen "regelmäßig" nämlich genau ihrem Schutz. Printjournalisten kann das natürlich egal sein....
Scribbles hat recht.
@scribbles: Danke für die Hinweise; trotzallem bedeutet das, dass Juristen offenbar nicht in der Lage sind, sich auszudrücken mit herkömmlichem Deutsch - einer der wortreichsten Sprachen der Welt. Das ist - bei allem Respekt - arm.
Bei aller Kritik an der Sprachgewandtheit mancher Juristen darf man nicht aus den Augen verlieren, dass es sich eben um eine Fachsprache handelt. Was auf Außenstehende einfach wie schlechtes Deutsch wirkt, ist in Wahrheit oft ein besonderes Kennwort mit Bedeutung über den bloßen Wortsinn hinaus. Wie WKg schon angemerkt hat, "regelmäßig", "in der Regel", "grundsätzlich", usw. signalisieren z.B., dass es sich um keine ausnahmslose Regel handelt. Verben zu substantiieren hat oft den Hintergrund, dass es sich um näher zu definierende Begriffe handelt. Schachtelsätze dienen im Idealfall dazu, bestimmte Voraussetzungen abzugrenzen, oder die Dinge an der Stelle zu benennen, an die sie der juristischen Logik zufolge hingehören.
Das bedeutet nicht, dass viele Juristen nicht eine schreckliche Ausdrucksweise haben. Im Gegenteil: Gerade weil in der Fachsprache bestimmte Einschübe, Substantivierungen und Schachtelsätze nötig sind, benutzen viele Juristen sie auch da, wo sie unnötig und sprachlich eher falsch sind. Darum würde ich eigentlich auch gerne mal so einen auf Juristen zugeschnittenen Deutschkurs besuchen.... aber die Hoffnung, dass dadurch die Rechtssprache für jene, die ihrer nicht mächtig sind, verständlicher wird, ist verfehlt. Es ist nunmal eine Fachsprache, die man beherrschen muss, um sie zu verstehen.
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