Einer von zehn kranken Beschäftigten leidet unter psychischen Störungen - aber nur in wenigen Unternehmen wird offen darüber geredet.
Thomas Meier weiß genau, was die Leute sagen. "Psychisch krank, da denkt man gleich an Irrenhaus. Vor so einem schließt man die Kinder weg", sagt er. Deshalb bleibt er lieber anonym und tritt unter anderem Namen auf. Thomas Meier hat Depressionen. Seit ein paar Wochen erst kennt der Arbeiter von Alstom Power in Mannheim-Käfertal seine Diagnose; nun er will darüber reden. Aber inkognito, beim Betriebsrat, gleich nach der Schicht.
"Das ganze Thema ist doch wie ein Stück Seife" - im Berufsleben will keiner was von psychischen Problemen wissen. (© Foto: dpa)
Anzeige
Depressionen sind eines der teuersten Tabus in deutschen Unternehmen. Laut Techniker-Krankenkasse führen "depressive Störungen" zu 18 Millionen Arbeitsfehltagen. Jedes Jahr werden es fünf Prozent mehr. Inzwischen leidet einer von zehn kranken Beschäftigten an psychischen Störungen. Sie sind, so weiß die Krankenkasse, der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen - gleich nach Rückenschmerzen.
Jetzt, wo bei Alstom wieder einmal Übernahmegerüchte kursieren, flüchten viele der über zweitausend Beschäftigten zum Betriebsrat, für ein Gespräch. Hier im Backsteingebäude in den grauen Gängen trifft man sich nach Schichtwechsel: Arbeiter im Blaumann aus der Turbinenproduktion ebenso wie Ingenieure, die am Computer neue Kraftwerke planen. Ein Kommen und Gehen. Thomas Meier fällt nicht weiter auf.
Unendlich müde wirkt er, obwohl er noch jung ist. Wie jung, das will er nicht preisgeben Die Hosenträger ziehen seine Schultern weit nach unten. Vor drei Jahren hat Meier angefangen, eine Last auf sich zu spüren. Es begann, als er in eine andere Abteilung versetzt wurde. Der neue Chef führte nicht, er trieb seine Leute durch die unsicheren Zeiten. Die Jobs waren bedroht, die Belastung wuchs und wuchs. Bald kam es in der Abteilung fast täglich zu Konflikten.
Meier engagiert sich für Kollegen, streitet mit dem Chef - und verliert dabei seine Energie. Nach ein paar Monaten fällt es ihm schwer, den Arbeitsrhythmus zu halten. Zu jedem Handgriff muss er sich überreden. "Irgendwann fühlt man sich wie eine zusammengeschossene Burg. Jeden Tag eine Kanonenkugel mehr, die reindonnert. Am Ende ist alles kaputt. Innen drin ist nur eine riesige Leere und totale Verzweiflung." Der Chef merkt, dass Meier nicht mehr funktioniert. Er wirft ihm Faulheit vor und lässt ihn von Kollegen überwachen. Die sollen ihm sogar folgen, wenn er aufs Klo geht. "Schikane", sagt Meier.
Im Frühling schaltet der Chef den Betriebsrat ein. Hier im Backsteinbau kann Meier sich vor Betriebsrat Wolfgang Alles erklären, kann reden ohne zu brüllen: "Da hab ich die Anspannung gespürt", erzählt er. Es ist Betriebsrat Alles, der Meiers Chef gerade rechtzeitig aus dem Zimmer bugsiert, bevor sich Meier den Druck von der Seele weint. Ein paar Tage später geht er "ins Irrenhaus", fährt freiwillig auf Anraten von Wolfgang Alles in die Ambulanz der psychiatrischen Klinik in Mannheim.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
Bruce Springsteen in Frankfurt