Die Bildungsministerin will "Top-Mitarbeiter" aus der Wirtschaft in die Schulen schicken. Die Schulmisere sollen also Manager beheben, die Banken ruiniert haben.
Wenn in Deutschland über Lehrer debattiert wird, geht es meistens schief. Viele Pädagogen fühlen sich sofort angegriffen und sind beleidigt, sobald jemand einen Hauch von Kritik äußert. Unter den Kritikern wiederum sind viele, die zwar über den angeblich lauen Lehrerjob spotten, sich selbst aber unter gar keinen Umständen auch nur eine Stunde Klassenzimmer antun würden.
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Lehrer: In einem Anfall von Inkompetenz-kompensations-kompetenz hat Schavan wieder einmal in die Kulturhoheit der Bundesländer hineingefunkt. (© Foto: ap)
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In diese Konstellation platzt der Appell von Bildungsministerin Annette Schavan, Unternehmen sollten ihre "Top-Mitarbeiter" für ein paar Schulstunden freistellen: Sie könnten den Schülern "sinnvolle Impulse" geben. Die Ministerin reagiert auf eine Studie, derzufolge viele Lehrer früher nicht die besten Schüler waren und nur ein mäßiges Abitur geschafft haben. Die "Top-Mitarbeiter" aus der Wirtschaft sollen nun also zeigen, wie es geht. Man darf gespannt sein. Immerhin haben Manager und Finanzexperten mit ihren tollen Schulnoten gerade ihre Potenz darin erwiesen, Banken in den Ruin zu treiben. Nun hätten einige dieser Top-Leute ja tatsächlich Zeit, sich den Schulen zuzuwenden.
Didaktische Naturtalente sind selten
Schulen können durchaus davon profitieren, wenn sie sich öffnen für Vertreter aus der Berufswelt und für Seiteneinsteiger, die mehr gesehen haben als immer nur Hörsäle und Klassenzimmer. Doch zu glauben, der Lehrermangel oder die Qualitätsmängel in den Schulen ließen sich mit ein paar stundenweise freigestellten Physikern und Betriebswirten beheben, ist allzu vermessen. Pädagogische und didaktische Naturtalente sind selten, das Lehramt erfordert zu Recht ein eigenes Studium (das aber bisher leider meistens noch zu praxisfern ist).
Als Bundesministerin ist Annette Schavan weder für die Ausbildung noch für die Einstellung von Lehrern zuständig. Um es mit einem schönen Wortungetüm des Philosophen Odo Marquard zu sagen: In einem Anfall von Inkompetenzkompensationskompetenz hat Schavan wieder einmal in die Kulturhoheit der Bundesländer hineingefunkt.
Labil und wenig engagiert
Leider geben die Länder auch genügend Anlass, an ihrer Kompetenz zu zweifeln. Bei der Ausbildung von Lehrern ist es ihnen seit Jahren nicht gelungen, sich auf vergleichbare Studienmodelle zu verständigen. Und jetzt, da vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern Pädagogen händeringend gesucht werden, werben die Länder sich gegenseitig ihre Lehrer ab. Umso schwerer dürfte es ihnen fallen, die eigentlich nötigen Hürden bei der Zulassung zum Lehrerberuf zu errichten.
Die Idee, allein Einserabiturienten könnten später gute Lehrer sein, ist zwar albern. Aber wer sich für den Lehrberuf entscheidet, sollte dies auch nicht nur aus Verlegenheit tun, weil er in anderen Studiengängen keine Chance hat. In Finnland werden Lehramtsstudenten sehr sorgfältig in einem langen Verfahren ausgewählt. Wichtig ist vor allem, dass die Pädagogen eine stabile Persönlichkeit haben - und natürlich, so trivial das klingt, dass sie Kinder mögen (und nicht nur ihr Fach). Studien zeigen, dass bereits während des Studiums zu viele angehende Lehrer labil und wenig engagiert sind. In einem so wichtigen und zugleich so anstrengenden Beruf wie dem des Lehrers sind sie fehl am Platz.
Streber und Überflieger
Perfekt ist freilich niemand; und für Schüler wäre es auch nicht gerade motivierend, ausschließlich von ehemaligen Strebern und Überfliegern unterrichtet zu werden, die das Gefühl, mit einer schlechten Note nach Hause zu gehen, nie erleiden mussten.
Unvollkommen ist sicher auch oft, wie sich Politik und Medien des Themas bemächtigen. Anlass für Schavans Vorstoß und die Debatte um die Abiturnoten angehender Lehrer ist eine Studie, die sich auf Daten des Jahres 1997 stützt. Die Studie ist deshalb nicht wertlos, aber Journalisten sollten, anders als in der anschwellenden Debatte bisher geschehen, das Datum nennen. Über den Berufsstand des Journalisten denken sich Lehrer aber wahrscheinlich ohnehin das ihre.
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(SZ vom 24.2.2009/bön)
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ja, schon richtig: nicht jede Bildung ist konkret sichtbar verwertbar. Verwertbar im Schulsystem ist leider nur das abfragbare Wissen in Bezug zum Klassenschnitt. Unter den Blinden ist der Einäugige... Die Schule kann sich in einem selbstdefinierten Leistungsystem leicht (unbeabsichtigt) abkoppeln und muß sich kaum rechtfertigen.
Die Zeche zahlen die ehemaligen Schüler, die später moralisch, ökologisch und literarisch weit überlegen sind, aber trotzdem keine auskömmliche Arbeit kriegen oder in einen gewaltigen Studienstreß verfallen müssen.
Leider müssen wir früher oder später anwendbares Wissen haben. Diese Aufgabe ist so alt wie die Schule selbst, deswegen muß es auch immer wieder neu justiert werden.
Ceterum censeo: Vergil und Catull müssen weg, Cäsar und Catilina reicht, dann kann man vielleicht noch eine Runde spanisch oder französisch einlegen... Und ich bin so froh, daß ich keine Emilia Galotti mehr vorgesetzt habe, dafür aber einen großen Schrank gern gelesener Bücher...
Der Mensch ist von Natur aus sozial und Lehren ist eine soziale Tätigkeit. Jeder gibt gern was weiter - wir Foristen doch auch - Zeilenhonorar wird ja hier keins gegeben. Wir lassen die anderen gern an unseren Einsichten und Wissen teilhaben, demnach würden wohl viele hier gern mal vor eine Klasse treten.
Keine Angst: die Externen bleiben nicht lang. Lehren ist manchmal wundervoll, aber vor dem Hintergrund einer Dauerbelastung im Massenbetrieb unter ständigem Beschuß von überall wird sich nur ein kleiner Teil halten. Außerdem wird sich manche Führungskraft nicht vorstellen können, wie man mit so wenig Druckpotential manchen unerzogenen Sauhaufen unter Kontrolle halten soll (was ja so auch wirklich nicht geht).
Denn: in einer gut geführten Firma ist Grundsatz: wer ständig alles falsch oder gar nix macht, ist bald draußen.
In vielen Schulen ist es leider genau anders rum.
Ob man das in der Schule gelehrte Wissen und die vermittelten Fähigkeiten und Fertigkeiten später noch braucht, sollte und darf nicht reduziert werden auf eine "praktische" Verwertbarkeit - sei es nun die, damit möglichst viel Geld zu verdienen bzw. technischen, medizinischen etc. Fortschritt zu ermöglichen.
Wie v.a. die letzten Monate drastisch gezeigt haben, ist z.B. der Literaturunterricht, der allzu oft als eher "nutzloser" Luxus bzw. überflüssige Zumutung empfunden wird, für die Herausbildung von Empathiefähigkeit und moralischer Verantwortung dringender nötig denn je.
Hätten unsere global player doch mehr von dieser Art von Bildung bekommen!
... etwas Praxisnähe schadet den Schulen nicht, da es doch nach wie vor so ist, dass ein Lehrer auf die Frage "wozu brauche ich das später?" nicht im Ansatz befriedigend antworten kann. Das ist v.a. in Mathematik sehr demotivierend (seltsam, dass ich in der Schule ne Mathe-Niete war (lt. Lehrer) und im Informatikstudium zu den Semesterbesten gehörte) und würde sicherlich die Einstellung vieler Schüler zur Schule ändern.
Also entweder (wie es an den Hochschule auch ist) externe Lehrbeauftragte zum Stammpersonal holen oder die Lehrer auch mal ECHTE Arbeit in der Wirtschaft verrichten lassen, damit sie auch mal wissen, wohin sie ihre Schüler treiben.
Die dumme "Das ist so, weil es so ist"-Begründung und "Du lernst das, weil ich es sage"-Methode sollte mal gründlich entstaubt werden...
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