Debatte um Guttenbergs Plagiate Genug gemenschelt

Karl-Theodor zu Guttenberg ist nicht der Einzige, der sich als Doktorand und Familenvater überfordert fühlte. Wer das als Entschuldigung für die plagiierte Doktorarbeit akzeptiert, der ignoriert, worum es in der Wissenschaft geht.

Von Thomas Steinfeld

Die akademische Auseinandersetzung mit der Dissertation Karl-Theodor zu Guttenbergs ist abgeschlossen, die politische ist es nicht. Denn so eindeutig der Abschlussbericht der Universität Bayreuth ist, so überdeutlich er als Plagiat definiert, was ein Plagiat ist, so ausweichend, unscharf und vorbehaltlich sind die Reaktionen in den politischen Kommentaren.

Das beginnt mit den Gefährten aus dem eigenen Lager. In Windeseile verwandelt sich bei ihnen der Plagiator, dem die Universität Bayreuth einen Vorsatz, eine klare Täuschungsabsicht attestiert, in einen Menschen, der, wie jeder, auch einmal einen Fehler macht - ganz so, als gäbe es im akademischen Metier keine strukturierte Professionalität, keine Regelhaftigkeit, keine spezifische Abstraktionsleistung.

Und das Menscheln endet noch lange nicht, wenn der Bericht der Universität Bayreuth zum Anlass wird, gleichsam vorläufig abschließend über die politische Zukunft (und die moralischen Qualitäten) des ehemaligen Verteidigungsministers , über seine persönliche Eignung für hohe Ämter, seine Selbsteinschätzung und seine charakterlichen Eigenschaften zu diskutieren.

Es ist, als hätten große Teile der Politik noch immer nicht begriffen, was in dieser Auseinandersetzung tatsächlich geschehen ist. Es geht nicht darum, ob Guttenberg sich durch seine vielen Verpflichtungen überforderte (das tun andere Doktoranden auch, nicht zuletzt wenn sie Kinder haben), und es geht auch nicht darum, ob zu viel von ihm erwartet wurde (übrigens eine besonders perfide Entschuldigung, die eigene Familie für das Vergehen verantwortlich zu machen).

Es geht nicht um mildernde Umstände, sondern darum, ob eine akademische Qualifikationsschrift, wenn sie aus vielen, nicht ausgewiesenen Quellen kompiliert wurde, noch eine Qualifikationsschrift ist (und damit Wissenschaft enthält) oder nicht. Diese Frage kann nur mit ja oder nein beantwortet werden. Einen Spielraum gibt es nicht.

Die politischen Kommentatoren aber überlegen, ob sie den Entschuldigungen Guttenbergs Glauben schenken wollen. Manche, wie der bayrische Abgeordnete Thomas Goppel, sind dazu fest entschlossen. Sie merken nicht, dass sie mit ihren persönlichen Vorbehalten (oder ihrer taktischen Gutwilligkeit) ein Urteil über die Universität fällen.

Wenn ein Sportler des Dopings überführt wird, dann gilt es als ausgemacht, allen Beteuerungen des Betroffenen zum Trotz, dass die fremde Materie nicht ohne sein bewusstes Zutun in seinen Körper geraten sein kann. Das Gleiche gilt für einen Dieb, zumal, wenn das Diebesgut in dessen Wohnung gefunden wird.

Passiert etwas Vergleichbares aber im akademischen Betrieb, werden also dort lauter nicht deklarierte Stoffe in einen Textkörper überführt, der einer Person als alleinigem Urheber zugeordnet ist, sollen plötzlich alle Zuschreibungen verhandelbar und alle Standards den persönlichen Umständen unterworfen sein. Wer so argumentiert, weiß nicht, was die Universität ist. Und, noch schlimmer: Er will es auch gar nicht wissen.

Von "abstrusen" Vorwürfen und "schmerzlichen Schritten"

mehr...