Der Pädagoge Bernhard Bueb leitete das Elite-Internat Schloss Salem und verfasste das Erziehungsbuch "Lob der Disziplin". Ein Gespräch über das Sitzenbleiben und das Glück der Anstrengung.
Der Pädagoge Bernhard Bueb leitete von 1974 bis zum Jahr 2005 das Internat Schloss Salem. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er bekannt durch seine Erziehungsbücher, wie zum Beispiel die Schrift "Lob der Disziplin". Bueb sagt, Kinder könnten durch Selbstdisziplin das Glück der Anstrengung erfahren. Doch er ist dagegen, alle Schüler über einen Kamm zu scheren, wie er es formuliert.
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Der Pädagoge Bernhard Bueb: "Erfolgreich lernt nur derjenige, der erfahren darf, dass er durch Selbstdisziplin das Glück der Anstrengung erfahren kann." (© Foto: dpa)
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SZ: Ist Sitzenbleiben als erzieherische Maßnahme noch zeitgemäß?
Bueb: Das Sitzenbleiben abzuschaffen wäre nur dann sinnvoll, wenn das ganze System sich ändert, wenn also der individuelle Lernfortschritt eines Schülers der Maßstab für seinen Erfolg wird - und nicht das Erreichen eines abstrakten Klassenziels. Das aber wäre ein totales Umdenken. Denn das Sitzenbleiben entspringt der Logik eines Schulsystems, das die Angleichung eines Schülers an einen vorgegebenen Standard höher bewertet als seine persönlichen Lernfortschritte. Dieses System und damit das Sitzenbleiben waren aber noch nie sinnvoll und wurden schon vor hundert Jahren von Reformpädagogen massiv kritisiert.
SZ: Also wird ein Schüler, der sitzenbleibt, nicht angespornt, es beim nächsten Mal besser zu machen?
Bueb: Man muss das ganze Schulsystem sehen, ein System, das die Lebenschancen vom Erreichen messbarer Standards abhängig macht. Insofern ist es dann schon folgerichtig, wenn die Schule mit dem Sitzenbleiben droht, also die Angst vor dem Verfehlen der Ziele als einen Ansporn begreift. Grundsätzlich halte ich es aber nicht für richtig, alle Schüler über einen Kamm zu scheren.
SZ: Das hieße, dass im Grunde niemand vom Sitzenbleiben profitiert - und am wenigsten die Betroffenen selbst.
Bueb: Die Erfahrung zeigt, dass Sitzenbleiber häufig ihre Leistungen nicht verbessern. Sitzenbleiben hinterlässt eher ein Trauma. Erfolgreich lernt nur derjenige, der erfahren darf, dass er durch Selbstdisziplin das Glück der Anstrengung erfahren kann. Er muss einsehen, dass Lernen sein Glück vermehrt, weil es ihm Anerkennung und Erfolg in der Sache bringt. Eine solche Einsicht erzeugt Sitzenbleiben aber selten.
SZ: Studien legen nahe, dass Sitzenbleiben das Bildungssystem finanziell stark belastet.
Bueb: Die Kosten sind in der Tat enorm, sie sollten aber nur als verstärkendes Argument gesehen werden. Dass etwas teuer ist, reicht nicht als Grund, um etwas zu ändern. Es geht um die Sache.
SZ: Gäbe es denn bessere Instrumente als das Sitzenbleiben?
Bueb: Die Logik des Systems muss sich ändern. Das heißt, dass Lehrer nicht Fächer, sondern Schüler unterrichten, dass sie also deren individuellen Erfolg, abhängig von ihrer Herkunft, Begabung und Lerngeschwindigkeit zum obersten Maßstab des Unterrichts erheben.
SZ: Ist das nur Theorie oder gibt es das in der Praxis schon?
Bueb: Es gibt inzwischen auch schon staatliche Schulen, die so arbeiten. An diesen Schule gibt es noch das Sitzenbleiben, aber als Ausnahme. Auch Schulen, die die individuelle Förderung des Kindes zum Ziel erklären, zum Beispiel Waldorf- oder Montessori-Schulen, können auf das Sitzenbleiben verzichten. Die Regelschule würde mit der Aufgabe des Sitzenbleibens jedoch sich selbst in Frage stellen. Und deswegen hält sie daran fest.
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(SZ vom 3.9.2009/bön)
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Besser die entsprechenden Kandidaten gleich vom Gymnasium auf eine geeignetere Schulform umplatzieren.
Es ist erstaunlich, daß es noch keine detaillierten Untersuchungen über die psychischen Folgeschäden bei Kindern gibt, die durch das Sitzenbleiben als Trauma oder Depression bei ihnen zurückbleiben.
Noch erstaunlicher ist, wie sich viele Eltern, Lehrer, Kultusministerium und Öffentlichkeit sowie die Presse fast in Komplizenschaft gegen die ihnen anvertrauten Kinder vereinen um dieses Schweigen über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten.
Das Sitzenbleiben reflektiert die Unmenschlichkeit der Anwendung eines Unterdrückungsinstruments gegen wehrlose Heranwachsende, die dadurch oft psychisch gestört und geschädigt werden.
Eigentlich ist das aus psychologisch- gesundheitlicher Sicht eine Straftat.
Das Sitzenbleiben ist auch das Instrument um bewußt Menschen zweiter Klasse zu erzeugen, die in unserer Gesellschaft Arbeiten zweiter oder dritter Klasse verrichten sollen.
p.p.
Wollte meinen Fall auch nicht verallgemeinern. Das deutsche Schulsystem sollte jedenfalls dringend reformiert werden, unabhängig von Sitzenbleiben oder nicht , und mehr auf die einzelnen Kompetenzen eines jeden Kindes eingehen. Und dafür sollte auch genug Geld vorhanden sein, denn in diesem rohstoffarmen Land ist Bildung unser höchstes Gut.
Habe übrigens 3 Geschwister, die alle auf der Walldorf-Schule waren. Allerdings hat nur einer da sein Abi gemacht, die anderen sind in der 8. bzw. 10 Klasse auf staatliche Gymnasien gewechselt. Derjenige der sein Abi auf der Walldorf-Schule gemacht hat, ist jetzt übrigens Diplomphysiker....weil ja gerne das Klischee rumgetutet wird, Walldorfabsolventen würden dann alle Sozialpädagoge. Sein bester Freund aus Schulzeiten ist Unternehmensberater.
Auch das Walldorf-Konzept hat seine Schwächen, allerdings sind ausnahmslos ALLE Schulkameraden meiner Geschwister, die ich kennengelernt habe von überdurchschnittlicher sozialer Kompetenz. Das ist wirklich auffällig.
aber da warst Du auch schon aelter - das macht wohl einen Unterschied aus. Ich bin in der 6ten haengengeblieben, bekam zwar kein Trauma davon - mir war es schlichtweg egal - und in der zweiten Runde wurden die Noten noch schlechter - bei mir hat's auch erst viel spaeter "geklickt", als mir irgendwann klar wurde dass ich fuer mich und meine Zukunft lerne, und nicht fuer ein abstraktes Klassenziel wie oben sehr treffend festgestellt wurde.
Ich halte von den Walldorfs auch nicht viel, manches ist mir da sehr suspekt, ebenso bei den Montessories, aber als wir noch in D lebten habe ich ernsthaft ueberlegt meine Kinder dort anzumelden, trotzdem. Viele staatliche Schulen in D lehren immer noch wie vor 100 Jahren, was offensichtlich der Wirklichkeit nicht mehr gerecht wird, und den Schuelern schon gar nicht. Auch wenn oft behauptet wird die Schulen hier in USA seien so schlecht und die Kinder lernten nichts, meine Kinder haben sich hervorragend entwickelt seit wir hier sind in den knapp zwei Jahren. Sie werden individueller gefoerdert und vor allem werden sehr viel weniger mit Faktenpaukerei gequaelt, sondern in Kompetenzen unterrichtet - das ist m. E. fuer die Persoenlichkeitsentwicklung sehr viel hilfreicher und schult vielmehr auch besser fuer das Leben.
ist ein guter Ausdruck für das Sitzenbleiben. Ich sehe darin ein ähnliches Verfahren wie bei der individuellen Förderung. Denn, ob ein Schüler etwas langsamer mit dem gesamten Stoff mitkommt oder die erforderlichen Leistungen nicht erbringt und damit "durchfällt", ist im Endeffekt das Gleiche. Es ist einfach alles eine Sache der Ziels und des Erziehungsstils. Will ich dich Schüler auf die Arbeitswelt und Realität vorbereiten,die nun mal kein Ponyhof ist, oder möchte ich jedes Kind in seinen Möglichkeiten voranbringen? Meiner Meinung nach ist Letzteres das Mittel zu Ersterem, was aber auf das Gesamte, also die Gesellschaft und das Leistungsprinzip, bezogen werden sollte.
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