Dauerstress im Beruf Warum der "Morbus iPhone" so gefährlich ist

Wer als Vorgesetzter für bis zu 20 Mitarbeiter verantwortlich ist, leidet am häufigsten unter den Nachteilen der ständigen Erreichbarkeit. Besonders betroffen sind die fleißigen und motivierten Mitarbeiter. Bei ihnen lautet die Diagnose oft: Burn-out.

Von Guido Bohsem, Berlin

Die neue Krankheit hatte einen Namen, bevor den meisten Leuten klar war, dass es sie überhaupt gibt. Unter dem Begriff "Morbus Blackberry" wurde das Phänomen der Überlastung durch dauerhafte Erreichbarkeit bekannt. Weil die Geräte der Firma RIM aber kaum noch einer haben will, muss man inzwischen wohl vom "Morbus iPhone" sprechen.

Etabliert ist inzwischen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen permanenter Erreichbarkeit und psychischer Belastung. Die Rede ist von einer Entgrenzung von Arbeit und Freizeit. Der Arbeitnehmer kann aufgrund der technischen Möglichkeiten nicht mehr unterscheiden zwischen Dienst und Privatem. Oft wird er auch dazu gezwungen, weil der Chef keine Rücksicht darauf nimmt, dass nach neun Stunden Arbeitszeit auch mal Zeit für die Kinder sein muss. Der Job gewinnt fast jederzeit die Oberhand, zur Entspannung kommt es nicht. Am Ende steht oft die Diagnose Burn-out - und offenbar leiden oft die fleißigen und flexiblen Mitarbeiter darunter.

Nach einer Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) waren im vergangenen Jahr 130.000 Menschen insgesamt 2,7 Millionen Tage wegen Burn-outs krankgeschrieben. Die Fehlzeiten sind somit elfmal so hoch wie noch im Jahr 2004. Von 1994 bis 2011 hat sich die Anzahl der psychischen Erkrankungen verdoppelt. Allein die AOK gab im vergangenen Jahr 9,5 Milliarden Euro für ihre Behandlung aus.

Die Deutsche Unfallversicherung hat nun untersucht, was das Verschwimmen der Grenzen zwischen Freizeit und Job auslösen. Besonders betroffen sind laut Studie Arbeitnehmer mit Vorgesetzten-Funktion. Das Ausmaß der Belastung hängt dabei mit der Anzahl der Kollegen ab, für die der Vorgesetzte verantwortlich ist. Bis zu einer Zahl von 20 Mitarbeitern steigt die Inanspruchnahme kontinuierlich. Bei mehr Mitarbeitern fällt die Belastung wieder ab. "Dieser Effekt ist signifikant", heißt es.

Wer oft oder fast immer erreichbar ist, erklärt dies laut Studie meistens damit, gerne zu arbeiten. Andere finden es praktisch, immer erreichbar zu sein. Zudem ist es vielen wichtig, ständig über wichtige Entwicklungen und Prozesse informiert zu sein. So ist kaum verwunderlich, dass viele der Befragten als Nachteil ihrer Erreichbarkeit angaben, häufig an die Arbeit denken zu müssen und manchmal das Gefühl zu haben, dass ihnen alles zu viel wird.

36 Prozent wären gerne weniger in ihrer Freizeit erreichbar. Etwas mehr als die Hälfte davon gab an, vier Stunden am Tag ohne E-Mails, Kurznachrichten und ohne Anrufe aus dem Büro als optimal zu empfinden. 15 Prozent wären über zwei Stunden für Arbeitsdinge nicht zu sprechen. Zwei Prozent der insgesamt 430 Befragten wären sogar schon damit zufrieden, wenn die Kollegen sie nur eine Stunde am Tag in ihrer Freizeit in Ruhe lassen würden.

Einen Ausweg aus dem alltäglichen Telefon-Terror versprechen sich die meisten Betroffenen von ihrem Chef. Die meisten gaben an, ihre Situation könne sich bessern, wenn der Chef seinen Mitarbeitern mitteilen würde, sie müssten nicht erreichbar sein. Etwa 19 Prozent hielten diesen Ansatz aber nur für sinnvoll, wenn der oder die Vorgesetzte mit gutem Beispiel vorangehe und für sich selbst eine störungsfreie Zeit in Anspruch nähme.

Nach Aussagen der Unfallversicherung sollten aber auch die Mitarbeiter selbst nach Wegen suchen, nicht ständig in Wartestellung zu verharren. Man müsse prüfen, wie wichtig es tatsächlich sei, immer über aktuelle Entwicklungen und Prozesse informiert zu sein. Wer sich bereits belastet fühle, müsse die Erreichbarkeit schnell reduzieren. Dies gelte vor allem für das mittlere Management, das am stärksten unter dem "Morbus iPhone" leidet.

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