Lange nach Vorlesungsbeginn waren noch 18.000 Studienplätze in Numerus-Clausus-Fächern unbesetzt. Das Einschreibechaos belegt eine bisher unveröffentlichte Studie, die der SZ vorliegt.
Nicht jeder der studieren will, kann sich ohne Schwierigkeiten immatrikulieren. Die Probleme bei der Studienplatzvergabe haben sich entgegen den Beteuerungen von Hochschulrektoren und Politik auch in diesem Wintersemester fortgesetzt. Das belegt eine bislang unter Verschluss gehaltene Erhebung der Kultusministerkonferenz. Demnach waren wegen organisatorischer Mängel vier Wochen nach Beginn des Vorlesungsbetriebes Anfang November immer noch "mindestens 18.000 Studienplätze" in begehrten Numerus-clausus-Fächern unbesetzt. Der Bericht liegt sueddeutsche.de sowie der Deutschen Presse-Agentur dpa vor.
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Zahlreiche begehrte Studienplätze bleiben bis weit ins Semester hinein unbesetzt. (© Foto: dpa)
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Bis zu acht Nachrückverfahren
Dem Bericht zufolge haben viele Universitäten ihre Studiengänge stark überbucht, weil sie mit vielen Absagen rechnen müssen. An der Universität Mainz beispielsweise soll es im Bachelor-Studiengang Biologie 108 Studienplätze gegeben haben, für die sich 877 Bewerber interessierten. Die Uni erteilte 677 Zulassungen, woraufhin sich bis zum Studienbeginn aber nur 92 Studierende immatrikulierten.
An der Universität Würzburg waren in einigen Studiengängen bis zu acht Nachrückverfahren nötig, um die Studienplätze zu besetzen. Die Verfahren zogen sich bis Mitte November hin, also bis weit nach Semesterstart Anfang Oktober. Das System der Zulassung ist also weiterhin alles andere als effizient. In dem Bericht wird es für Studierende wie für Hochschulen als "unbefriedigend" bezeichnet. Ziel müsse es sein, die Studienplätze bereits vier Wochen vor Vorlesungsbeginn zu vergeben, um genügend Zeit für die Wohnungssuche wie Umzugs- und Studienvorbereitung einzuräumen
Fehlende Koordinierung
Klagen über das jährliche Einschreibchaos an den Hochschulen gibt es jetzt seit mehr als fünf Jahren. Länder und Bund hatten den Hochschulen 2003/2004 durch verschiedene Gesetzesänderungen mehr Eigenverantwortung überlassen. Auswahl und Einschreibung der Studenten können sie in den Fächern, in denen es vor Ort mehr Bewerber als freie Plätze gibt, weitgehend selbst verwalten.
Die Arbeit der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund wurde erheblich beschränkt. Nur noch die Studienplätze in Medizin und Pharmazie werden heute bundesweit von der ZVS vergeben. Doch durch fehlende Koordinierung und Abstimmung zwischen den Hochschulen kommt es wegen möglicher Mehrfachbewerbungen immer wieder zu Doppeleinschreibungen und damit zur Blockade freier Studienplätze.
"Positives Echo"
Abhilfe soll künftig ein computergesteuertes "dialogorientiertes Serviceverfahren" schaffen, über das sich Bund, Länder und Hochschulrektoren im März 2009 verständigt hatten. Es kann aber frühestens im Herbst 2011 eingesetzt werden.
Die gemeinsam von Hochschulrektorenkonferenz und ZVS zum Wintersemester 2009/2010 angebotene Übergangslösung einer Studienplatzbörse zur Nachvermittlung freier Plätze habe bei Studieninteressenten wie auch bei den Hochschulen ein "positives Echo" ausgelöst, heißt es in dem Bericht weiter. Seit dem Start im September 2009 habe es rund 400.000 Online-Zugriffe gegeben.
Das eigentliche Problem
"Das eigentliche Problem" der nicht abgeglichenen Mehrfachbewerbungen und langwierigen Nachrückverfahren habe die Studienplatzbörse "jedoch nicht beheben" können. An der Börse haben sich 163 der 187 staatlichen Hochschulen beteiligt, die Studienplätze mit örtlichen Zulassungsbeschränkungen anbieten.
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(sueddeutsche.de/dpa/holz/joku)
Diskussion um Leinenpflicht für Hunde
Das beschriebene Problem wiederholt sich alle Jahre wieder. Auch im Wintersemester 2010/11 kam es zu diesen Fehlverteilungen. Und im kommenden Wintersemester droht es aufgrund der Studentenschwemme noch schlimmer zu werden - denn es ist offen, ob ein zentrales Einschreibesystem rechtzeitig fertig wird.
Wer die Diskussion zu diesem Thema in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, dass es sich um ein vermeidbares Problem handelt. Ein entsprechendes System hätte eigentlich bereits mit der Bolognareform auf den Weg gebracht werden müssen - das UCAS aus Großbritannien ist dabei ein gutes Vorbild. Nach der ursprünglichen Planung hätte es ja bereits 2009 oder spätestens 2010 laufen sollen.
Sollte es in diesem Jahr nichts mehr werden, bleibt den Abiturienten nur, individuell rational zu handeln - und das bedeutet Bewerbungen, Bewerbungen, Bewerbungen. Dass sie damit das Chaos noch verschlimmern, liegt auf der Hand.
Ich habe in meinem Blog einen Artikel zu dem Thema geschrieben und gebe daneben Tipps, was man als Betroffener tun kann: http://www.horndasch.net/2011/03/studienplatzvergabe-was-tun-wenns-brennt/
Schwachsinn bleibt Schwachsinn, auch wenn er von Hochschulrektoren erfunden wurde.
Wenn Studenten gezwungen werden, sich bei allen einigermaßen in Frage kommenden Studiengängen zu bewerben, um ihre Chancen zu erhöhen, überhaupt einen Studienplatz zu bekommen, dann führt das zu eine Lawine von Bewerbungen, die nicht wirklich ernst gemeint sind.
Wenn dann Bewerber mehrere Zusagen bekommen und dann noch Zeit haben sich zu entscheiden, dann kann das in einem zeitkritischen Prozess einfach nicht funktionieren.
Das kann sich der kleine Moritz an zwei Fingern abzählen.
Das Problem lässt sich nur lösen, wenn Bewerber den Hochschulorten und den gewünschten Studiengängen eine eindeutige Rangfolge zuweisen müssen.
Dann kann die Zuteilung nach der Rangfolge und innerhalb des gleichen Ranges nach Noten stattfinden.
Dadurch müssen weitere Bewerbungen von Bewerbern, die bereits einen Platz haben, nicht weiter berücksichtigt werden. Wer mit der Zuteilung dann doch nicht zufrieden ist, kann dann an einer Tauschbörse teilnehmen.
Aber vielleicht ist diese Lösung doch zu einfach für die intellektuelle Elite Deutschlands.
Zu diesen Dingen gehört z.B. der Umstand, dass mir keine deutsche Verwaltung und schon gar keine Hochschulverwaltung bekannt ist, die auch nur annähernd erfolgsorientiert, d.h. auf den erfolgreichen und konkreten zeitlich passenden Termin fixiert etwas tatsächlich fertigstellt.
Das Ganze mit dem ohnehin unausgegorenen Bologna-Prozess, der ja zeitlich hinten und vorn ebenfalls nicht funktioniert und ein organisatorisches Chaos an sich darstellt zu koppeln ist natürlich der reine Wahnsinn von Haus aus.
Dementsprechend sind die Ergebnisse: Großmäulige Pläne, die zu 10 % realisiert werden und deren Folgen kaltschnäuzig auf dem Rücken der Studenten abgeladen werden. Im Ganzen eine Verschwendung von Geld, Zeit, Ressourcen und Idealismus, die ihresgleichen sucht!
Die Schwächung der ZVS hat nichts mit dem Bologna-Prozess zu tun, sondern mit dem Drang der Unis, alles selbst regeln zu müssen. Das führt nebenbei zu vielen unterschiedlichen Regelungen und läuft dem Internationalisierungsanspruch des Bolgona-Prozesses zuwider. Die Studienplatzvergabe wäre so einfach, wenn ALLE Studienplätze in Studiengängen, in denen auch nur an einer einzigen Hochschule, an der die Zahl der Bewerber die der Plätze übersteigt, über die ZVS vergeben würden und lokale Zulassungsbeschränkungen verboten würden. Dann würden sich die Unis auch viel Bürokratie sparen und könnten ihr Geld mehr in Lehre und Forschung investieren!
..die Studierenden als Opfer der Bürokratie zu bezeichnen. In Vor-Bolognazeiten war es die ZVS die dafür sorgte, dass alle einen Studienplatz bekamen (bei NC-Fächern natürlich auch schon mal mit Wartezeit). Dieses Verfahren war sehr bürokratisch, aber offenbar sehr effektiv. Seit die Hochschulen von den neoliberalen Ideologen zu betriebswirtschaftlichen Lernfabriken umfunktioniert wurden, und diese "mehr Freiheit" bekamen, funktioniert die Vergabe der Plätze nicht mehr richtig.
Die Studenten sind nicht Opfer der Bürokratie, im Gegenteil (!), in diesem Fall sind sie Opfer der ideologischen Instrumentalisierung der universitären Bildung.
Paging