Übernahmechancen von Leiharbeitern Warum Zeitarbeit besser ist als ihr Ruf

Hungerlöhne, miese Arbeitsbedingungen, Gefälligkeits-Tarifverträge: Die Zeitarbeit gilt als Deutschlands Schmuddelbranche Nummer eins. Zu Unrecht? Immer mehr der etwa 900.000 Leiharbeiter erhalten eine Stelle bei dem Unternehmen, an die sie vorher nur ausgeliehen waren. Aber nicht alle haben die gleiche Chance darauf, in ihrer Entleih-Firma "klebenzubleiben".

Von Thomas Öchsner

Sie gilt als Deutschlands Schmuddelbranche Nummer eins. Zeitarbeitsfirmen, die ihre Mitarbeiter an andere Betriebe verleihen, sind zum Feindbild der politischen Linken geworden. Die Zeitarbeit, Gegner sprechen lieber von Leiharbeit, ist "im Fadenkreuz der Kritiker", heißt es im soeben vorgelegten Jahresgutachten der fünf Wirtschaftsweisen. Hungerlöhne, die mit Hartz IV aufgestockt werden müssen, miese Arbeitsbedingungen, Gefälligkeits-Tarifverträge von pseudochristlichen Gewerkschaften, Konzerne, die ihr Stammpersonal durch billigere Leiharbeiter ersetzen - all dies hat zum schlechten Image der Branche beigetragen, auch wenn dies für viele Verleihfirmen gar nicht gilt. Nun aber kommen positive Nachrichten von den Zeitarbeitsfirmen, die dieses Horrorbild aufhellen: Nicht nur VW übernimmt in diesem Jahr 2200 Zeitarbeitnehmer. Immer mehr der etwa 900.000 Leiharbeiter erhalten eine Stelle bei dem Unternehmen, an das sie vorher nur ausgeliehen waren.

"Seit mehr als einem halben Jahr erlebt unsere Branche eine massive Übernahmewelle", sagt Volker Enkerts, Chef des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister (BAP). Vor allem in der Industrie seien teilweise ganze Belegschaften oder Niederlassungen übernommen worden. Ähnliches ist vom Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) zu hören. Er befragte dieses Jahr erstmals seine 2300 mittelständischen Mitgliedsfirmen. Das Ergebnis: Etwa jeder dritte Zeitarbeiter wechselt nach einem Einsatz zum Kunden, also in den Betrieb, bei dem er schon vorher als ausgeliehene Arbeitskraft tätig war.

Bundesweit gibt es keine aktuellen Zahlen über diesen "Klebeeffekt". Den Trend bestätigen jedoch viele Zeitarbeitsfirmen, ob Randstad mit 60.000 Mitarbeitern, Hofmann Personal mit fast 17.000 oder der Luftfahrt-Dienstleister Aviation Power mit fast 1000 Beschäftigten. Dabei gilt der Grundsatz: Je höher die Qualifikation, desto größer die Chance, in die Stammbelegschaft des Entleihbetriebs aufzurücken. So liegt die Übernahmequote bei Akademikern und technischen Berufen nach der IGZ-Umfrage bei etwa 60 Prozent. Wer dagegen als Helfer eingruppiert und schlecht ausgebildet ist, so wie viele Leiharbeiter, hat ein höheres Risiko, darin stecken zu bleiben.

Die Branchenverbände führen die Übernahmewelle auf zwei Faktoren zurück: "Unsere Kunden haben wohl Vertrauen in ihre wirtschaftliche Situation gefasst, so dass sie wieder umfangreich Personal eingestellt haben", sagt BAP-Chef Enkerts. Hinzu kommt die Sorge, dass in Zukunft mehr Fachkräfte fehlen könnten. "Mit dem sich leerenden Markt wird verstärkt bei Zeitarbeitsfirmen nachgefragt", bestätigt IGZ-Hauptgeschäftsführer Werner Stolz. Ob dies anhält, wenn sich die Euro-Schuldenkrise weiter zuspitzt, ist allerdings ungewiss.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hatte bislang stets davor gewarnt, den "Klebeeffekt" für die Leiharbeiter zu überschätzen: Nur sieben Prozent von ihnen fanden einen dauerhaften Job außerhalb der Zeitarbeitsbranche. Das IAB zählte dabei nur Leiharbeiter, die vorher arbeitslos waren. Und das sind viele: Knapp die Hälfte war vorher ohne Stelle - und schafft über die Leiharbeit immerhin einen (Wieder-)einstieg ins Berufsleben. Die jüngsten Erfolgsmeldungen sind deshalb ein Indiz dafür, dass der schmale Steg zu einer normalen Beschäftigung inzwischen eine Brücke geworden ist. Für die rot-grünen Arbeitsmarktreformer ist dies ein später Sieg.

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