Körper und Seele als Einheit
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"Das geht vielen so", erklärt Manfred Nelting, Chefarzt der 36-Betten-Klinik. "Wer aus dem beruflichen Getöse hier ankommt, kämpft anfangs vor allem gegen die Ruhe an." Die meisten Patienten sähen nur Pflichten, Ziele und schnelle Lösungen.
"Damit aber laufen sie bei uns ins Leere. Hektik und Zeitnot gibt es hier nicht. Viele halten das kaum aus. Meditation und Qigong empfinden sie als unerträgliche Zumutung", sagt Nelting. Denn in der Stille und langsamen Bewegung tauchen Ängste aus der Tiefe auf, die es um jeden Preis zu verdrängen gilt.
Als der heute 58 Jahre alte Nelting vor vier Jahren mit seiner Frau die Klinik gründete, wollten beide etwas Neues schaffen: einen Ort, an dem Körper und Seele als Einheit gesehen werden. Im Zentrum steht für sie die Arbeit mit dem Körper, dem Träger für nachhaltige Gesundheit.
Durch viele Aufenthalte in China, wo Neltings Mutter geboren wurde, kommen sie eng mit der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) in Berührung. In der Klinik spielt sie eine wesentliche Rolle. TCM, so Nelting, stärke im Gegensatz zur westlichen Medizin die Selbstverantwortung und Eigenwahrnehmung der Patienten.
Schmerz ist das einzige Gefühl
Beides ist dringend nötig. Denn wer in die Gezeitenhaus-Klinik kommt, leidet meist unter einer Hyperreaktion im Stresssystem. "Schmerz ist oft das Einzige, was die Patienten überhaupt noch spüren. Ansonsten sind sie wie betäubt, tragen Scheuklappen", sagt der Chefarzt. Mit Körper- und Psychotherapie, Akupunktur, chinesischer Heilmassage, Meditation oder Qigong bringt das Klinikteam die Burnout-Patienten wieder in die Balance. Etwa 600 waren es seit der Gründung im Jahr 2004.
Wer die Klinik verlässt, ist durchaus wieder leistungsfähig. "Was allerdings nachher als 100 Prozent gilt, muss jeder für sich neu definieren. Fern der Mitte kann niemand dauerhaft überleben", meint der Arzt. Deshalb ärgert er sich auch über die Alibi-Angebote vieler Firmen.
"Sie bieten Broschüren zu Burnout an, Vorträge und Seminare. Doch danach gehen alle an ihren Arbeitsplatz und machen weiter wie bisher." Solange aber Mitarbeiter keine Wertschätzung erführen, Delegation, Kommunikation und größere Gestaltungsspielräume ignoriert würden, bleibe alles beim Alten. "Bald aber wird Gesundheit zum Wettbewerbsfaktor werden", sagt er.
Johann G. und Christina L. sind noch nicht über den Berg. Doch sie werden es schaffen, davon ist der Chefarzt überzeugt. Auch, weil ihr soziales Netz intakt ist. "Den Wert der Familie habe ich erst jetzt richtig gespürt", sagt der Unternehmer G.. Und die Vertriebsmanagerin L. gesteht: "Mein Partner genießt, wie ich jetzt bin: endlich nicht mehr perfekt."
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(SZ vom 29.11.2008/heh)