Bund und Länder verfehlen Bildungsziel Mehr als zwei Millionen junge Deutsche haben keinen Abschluss

Mehr als zwei Millionen Deutsche unter 34 Jahren haben keinen Berufsabschluss. Damit ist der Plan von Bund und Ländern, die Zahl der Schul- und Ausbildungsabbrecher bis 2015 zu halbieren, gescheitert. Der Deutsche Gewerkschaftsbund spricht von der "Generation abgehängt".

Von Thomas Öchsner, Berlin

Deutschland wird es nicht gelingen, die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsabschluss wie versprochen bis 2015 zu halbieren. Damit wird ein zentrales Ziel der Bildungspolitik verfehlt. Das geht aus einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Im Oktober 2008 hatten sich Bund und Länder auf dem Dresdner Bildungsgipfel darauf verständigt, die Zahl der Schul- und Ausbildungsabbrecher bis 2015 um die Hälfte zu verringern.

Nach den Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung haben 1,44 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keine Lehre abgeschlossen oder einen Beruf erlernt. Dies entsprach im Jahr 2010 17,2 Prozent der Altersgruppe. 2009 lag der Wert bei 16,4, im Jahr zuvor bei 17,2 Prozent. Die Zahl der Ungelernten bis 34 Jahre liegt sogar bei 2,2 Millionen.

Der Plan, die Quote zu halbieren, "scheint somit ausgeschlossen", heißt es in der Untersuchung. "Es ist keine Tendenz zu erkennen, dass sich bis 2015 etwas gravierend ändert", bestätigte auch der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm. Das Ausbildungsjahr beginnt in Deutschland am 1. September.

Probleme beim Übergang in den Beruf

In der Studie werden amtliche Statistiken ausgewertet. Danach haben von den 2,2 Millionen Ungelernten fast zwei Drittel einen Haupt- oder Realschulabschluss. Ohne Schulabschluss seien 400.000 Personen. Aber nur 1,2 Millionen hätten einen Job, oft in Branchen mit eher schlechter Bezahlung wie im Gastgewerbe, Gesundheitswesen, Einzelhandel oder am Bau. Dies weise auf "extreme Probleme beim Übergang von der Schule in den Beruf" hin.

Die wegen des Geburtenrückgangs gesunkene Zahl der Bewerber habe "nicht dazu geführt, dass junge Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss leichter den Weg auf den Ausbildungsmarkt finden". Die Hälfte der Ausbildungsberufe sei für diese "Generation abgehängt" verschlossen.

Trotz aller Bildungsgipfel sind wir in Deutschland bei dieser Problematik keinen Schritt weitergekommen", kritisierte DGB-Vizechefin Ingrid Sehrbrock. Die Arbeitgeber müssten mit mehr Haupt- und Realschulabsolventen Ausbildungsverträge abschließen.

Wirtschaft weist Verantwortung zurück

Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, entgegnete: Die hohe Zahl der Ungelernten könne "nicht der Wirtschaft in die Schuhe geschoben werden". 50.000 Jugendliche verließen pro Jahr ohne Abschluss die Schule. "20 Prozent der fünfzehnjährigen Schüler können nur unzureichend lesen, schreiben und rechnen." Dies könnten die Firmen "nicht reparieren".

Die Wirtschaft stellt laut Dercks längst leistungsschwächere Jugendliche ein. Dies lasse sich auch an der Zahl derjenigen jungen Leute belegen, die im Übergangsbereich zwischen Schule und Beruf steckten, etwa in berufsvorbereitenden Maßnahmen. Diese Zahl liege erstmals unter 300.000, dies seien um 100.000 weniger als noch 2005. Forscher Klemm sieht das anders: Solange in diesem Bereich ein Viertel Mittlere Reife habe, sei dies ein Indiz dafür, "dass die Unternehmen zu hohe Ansprüche stellen".