Bürowahnsinn Höhenverstellbare Stöcke im Hintern

Arbeiten am höhenverstellbaren Tisch - hier in der Google-Zentrale in München.

(Foto: Catherina Hess)

Sitzen ist das neue Rauchen, heißt es, wer sitzt, stirbt früher. Aber hilft es, wenn Arbeitnehmer die Füße baumeln lassen und Chefs virtuell durchs Büro rollen?

Von Philipp Bovermann

Die Krise der Sitzkultur begann damit, dass die Ersten anfingen, sich öffentlich über die Körperhaltung sitzender Menschen lustig zu machen. Möglicherweise begann alles mit einem T-Shirt-Motiv, das die Evolution des gebückt gehenden Superaffen über dessen allmählich aufrechteren Gang bis zu dessen finaler Erschlaffung nachzeichnet: Der Homo Erectus, der einst aufgerichtete Mensch, hängt mit gekrümmtem Rücken vor einem Computer. Vermutlich pöbelt er gerade in einer Kommentarspalte auf Facebook herum oder spielt ein Ballerspiel.

Dann wurde aus dem Vorurteil knallharte Wissenschaft. Seit etwa zehn Jahren vermelden immer neue Studien, dass der Mensch durch häufiges Sitzen im Büro - unabhängig davon, wie viel Sport er außerhalb der Arbeitszeit treibt - dümmer und dicker werde. Außerdem sterbe er früher, rund 22 Minuten pro versessener Stunde, wie bereits vor einigen Jahren eine Forschergruppe aus Australien herausgefunden hat. Spätestens seitdem lautet das Schlagwort: "Sitzen ist das neue Rauchen."

Im Büro soll es am schönsten sein

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Sportmediziner haben eine Lösung: Man solle doch lieber stehen bei der Arbeit, da bekomme das Gehirn mehr Sauerstoff. Zwar wurden bereits Zweifel laut, ob es wirklich so viel bringt, eine statische Körperhaltung durch eine andere zu ersetzen, aber da hatten manche Unternehmen, die nicht den Eindruck erwecken wollten, bei ihnen arbeiteten nur Sesselpupser, schon die Steh-Schreibtische bestellt.

An diesen Tischen sitzt der Mitarbeiter nicht mehr, sondern wird beim Stehen von einem "Fitnesshocker" wie zum Beispiel dem "Uplift Motion Stool" unterstützt. Mit seinem abgerundeten Sockel am Fußende zum Herumkippeln sieht er aus wie ein sehr mageres Stehauf-Männchen, auf dessen Kopf man sich setzt.

Füße baumeln lassen - und brainstormen

Das Gegenstück für den Konferenz-Bereich ist der "Stand-up", laut Produktbeschreibung ein "gesundheitsförderndes Bewegungsobjekt", "das Lust auf den spielerischen Umgang mit dem Ernst des Lebens macht" und dazu animiert, "die Hüfte kreisen und die Gedanken fliegen zu lassen". Konkret schiebt man sich ein buntes, joystickartiges Stück Sitzstoff unter das Gesäß und baumelt darauf durch die Brainstorming-Runden. Mitarbeiter schwingen nach allen Richtungen aufeinander zu, um sich gegenseitig in die Unterlagen zu fassen, dann entfernen sie sich wieder voneinander. Eine den Bewegungsradius einschränkende Lehne, deren lichte Höhe früher die Autorität des Chefs ausdrückte, entfällt.

Die Funktion des "Stand-up" erschließt sich erst so richtig in der Sitzgruppe, im Ideal eines vernetzten Büros und Denkens. Feste Sitz-Hierarchien gibt es nicht, so wie manche Unternehmen die fest zugewiesenen Büros gleich ganz abgeschafft haben. Stattdessen wird ausladend gependelt. Man kann sich den "Stand-up", so betont der Hersteller, auch problemlos unter den Arm klemmen und damit an die frische Luft gehen, wo die Vöglein singen. Der dynamische Sitzhocker sieht dann aus wie eine Mischung aus Hinkelstein und Yoga-Matte.